Musik kann in uns hineinfahren wie ein Blitz. Sie kann zu Tränen rühren, zum ausgelassenen Tanzen verführen, uns an Orte und in vergangene Zeiten zurückführen. Wie kann das sein? Sprache, die mit der Musik sehr verwandt ist, erreicht uns immer über das Bewusstsein. Doch Musik trifft uns ganz unmittelbar, ohne dass wir ihren Inhalt analysieren müssen. Wie macht Musik das, was sie macht?

Von der Beantwortung dieser Frage ist die Wissenschaft noch weit entfernt. Den Signalweg, den der Schall durchs Ohr und Innenohr nimmt, kann sie gut bis zum Hörnerv verfolgen, der die in elektrische Signale verwandelten Töne ins Gehirn weiterleitet. Dann verliert sich die Spur. Beziehungsweise taucht überall wieder auf: Es gibt kaum einen Teil des Gehirns, der an der Verarbeitung von Musik nicht beteiligt ist.

Musik ist ein globales Phänomen des Gehirns, haben Hirnforscher und Psychologen in den letzten Jahren erkannt, und das macht sie besonders interessant. Forschungszentren, die sich traditionell mit Sprache beschäftigen, etwa das Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, haben Programme zum Thema Musikkognition aufgelegt, und da interessiert vor allem die emotionale Wirkung der Töne. "Musik ist die Sprache der Gefühle", das ist nicht mehr nur ein romantisches Klischee, sondern ein wörtlich zu nehmender Forschungsansatz.

Sobald Musik erklingt, sucht das Gehirn in dem akustischen Signal nach emotionaler Bedeutung. Dazu braucht es nicht viel: Der französische Hirnforscher Emmanuel Bigand von der Université de Bourgogne hat Musik in ultrakurze Schnipsel von manchmal nur einer Zehntelsekunde Länge zerlegt – seine Probanden waren immer noch in der Lage, Stücke und Stimmungen zu erkennen. Auch wenn Bigand das winzige Klangkonfetti zufällig durcheinanderwürfelte, erkannten die Testpersonen die Bestandteile, obwohl in dieser Kakophonie weder Melodie noch Rhythmus oder Harmonie erhalten waren. "Jedes Musikstück scheint eine Art ›Wasserzeichen‹ zu haben, das auch bei solchen radikalen Operationen erhalten bleibt", sagt Bigand.

Solche Ergebnisse deuten nicht nur auf eine hoch spezialisierte, jedem Menschen angeborene Fähigkeit, aus wenigen akustischen Schwingungen weitgehende Schlüsse zu ziehen – es wirft auch die Frage auf: Wozu ist das gut? Wieso gerät unser Gefühlsleben durch ein paar Töne in Wallung? Emotionen haben zunächst einen ganz praktischen biologischen Zweck: Jeder Mensch hat Ziele, teils von der Biologie vorgegeben, teils von der Kultur oder seiner individuellen Lebensplanung geprägt. Ein Ereignis, das eines dieser Ziele entweder befördert oder ihm entgegensteht, erzeugt eine positive oder negative Emotion. Gefühle sind ein Mittel, unseren Körper sozusagen "auf den richtigen Weg" zu bringen. Verliebtheit fördert die Fortpflanzung, Angst mobilisiert den Fluchtreflex, Ekel verhindert, dass wir uns vergiften.

Aber was hat Musik damit zu tun? Ob wir eine CD hören oder nicht, hat schließlich wenig Auswirkung auf den Lauf der Welt. Wenn Musik Gefühle hervorruft, dann nur, weil wir sie mit "richtigen" Ereignissen assoziieren.

"Roy Black ist echt"

Der schwedische Musikforscher Patrik Juslin von der Universität Uppsala zählt in seinem gerade erschienenen Handbook of Music and Emotion mehrere Mechanismen auf, wie Musik diese Wirkung entfaltet:

– Musik, insbesondere ihr rhythmischer Anteil, fährt direkt in den Hirnstamm, den ältesten Teil unseres Denkorgans, oft "Reptiliengehirn" genannt. Der reagiert auf Töne, ohne das Bewusstsein um Erlaubnis zu fragen, denn dort arbeiten von der Evolution fest verdrahtete Schaltkreise. Wenn ein Schuss fällt, schaltet der Körper auf Alarmstufe rot. Schnelle, laute, kreischende Töne treiben den Herzschlag in die Höhe, langsame Rhythmen und tiefe Töne wirken beruhigend. Wenn die Discobesucherin Dana (siehe Seite 31) sagt, beim Tanzen lasse sie sich treiben und schalte ihr Gehirn auf Stand-by – dann beschreibt sie genau eine solche Situation, in der das Reptiliengehirn bestimmend ist.

– Das sogenannte episodische Gedächtnis verbindet Musik mit der Situation, in der wir sie zum ersten Mal gehört haben. Das Gehirn speichert Informationen nicht wie ein Computer, es erinnert sich an eine ganze Situation. Das ist das berühmte "Schatz, sie spielen unser Lied"-Phänomen: Ein Paar verbindet eine Melodie mit dem Tag, an dem es gefunkt hat. Aber Vorsicht, so schön es sein kann, mit einem Lied ein besonderes Erlebnis wieder heraufzubeschwören – der Effekt nutzt sich ab, weil mit jedem Hören das Lied immer mehr von der Originalsituation abgekoppelt wird.

– Ein ähnliches Phänomen ist es, dass Musik uns regelrecht konditionieren kann. Wer in seiner Kindheit sonntags beim Frühstück Barockmusik gehört hat, dem steigt bei den ersten Tönen einer Bach-Fuge der Mohnbrötchenduft in die Nase. Die Konditionierung funktioniert auch umgekehrt: Wenn sich der Klassikfan Hans Edgar Reis den Krawattenknoten zurechtrückt und auf seinem Sitz im Konzertsaal Platz nimmt, ist er schon glücklich, bevor ein Ton erklungen ist.

– Musiker stecken uns mit ihren Gefühlen an. Dafür ist unsere Fähigkeit zur Empathie verantwortlich, die Spiegelneuronen, die uns die gleiche Emotion fühlen lassen, die auch der Musiker hat oder uns gekonnt vorspielt. Die schlagerbegeisterte Gabriele Schröter sagt: "Roy Black ist echt", und egal ob das stimmt – der Sänger hat es geschafft, Empathie hervorzurufen. Der Effekt ist noch mit vielen Rätseln behaftet. Der Künstler erzeugt ja nicht unbedingt dieselbe Emotion bei uns, die sein Lied transportiert: Wenn Roy Black von Einsamkeit singt, fühlt sich der Fan nicht einsam, im Gegenteil, das traurige Lied kann einen aufrichtenden Effekt haben: "Du bist nicht allein."

– Musik spielt mit unseren Erwartungen. Weil sie anders als andere Kunst in der Zeit abläuft, spekuliert das Gehirn ständig darüber, wie es wohl weitergeht, und daran hat es ungeheuren Spaß. Die korrekte Vorhersage der unmittelbaren Zukunft war für unsere Vorfahren überlebenswichtig, und der Mensch entwickelte einen regelrechten "Zukunftssinn", wie es der Musikpsychologe David Huron in seinem Buch Sweet Anticipation nennt. Musik kitzelt diesen Sinn, schafft einen im Gegensatz zur bösen Wirklichkeit gefahrenfreien Raum, in dem wir ihn spielerisch schärfen können. Trifft die Vorhersage ein, gibt es eine Extraportion Dopamin fürs Belohnungszentrum. Wird allerdings jede Erwartung erfüllt, dann ist das, wie wenn man sich allein von Süßigkeiten ernährt. Manchen mag das genug sein, Musikkenner bevorzugen eine ausgewogenere Diät aus Erwartbarem und Überraschendem.

Von all diesen Faktoren, die Musik emotional wirken lassen, ist nur einer völlig kulturunabhängig, nämlich der unmittelbare Effekt auf das Stammhirn. Alle anderen sind mehr oder weniger erlernt, sie sind an die jeweilige Kultur gebunden oder sogar an sehr persönliche Erfahrungen.

"Filmmusiker sind die wahren empirischen Emotionsforscher"

Eckart Altenmüller, Musikforscher und Neurologe von der Universität Hannover , glaubte trotzdem: Es muss doch Musik geben, die jedem Menschen einen Schauer den Rücken hinunterlaufen lässt. "Unser Traum war: Wir finden die ultimative Gänsehautmusik, die in Neuguinea und in Thule den gleichen Effekt hat", erzählt Altenmüller.

Eine musikalische Passage wie der "Barrabas"-Ruf in Bachs Matthäuspassion war für ihn ein Kandidat. Es geht um die Szene im Prozess gegen Jesus, in der Pontius Pilatus die Menge fragt, ob er ebendiesen Jesus freilassen soll oder den Barrabas. Und das Volk ruft: "Barrabam!" – "Das ist ein musikalischer Schlag ins Gesicht", sagt Altenmüller. "Ich kann Ihnen auf Anhieb in meiner direkten Bezugsgruppe 40 Leute nennen, die beim Barrabas-Ruf sofort eine Gänsehaut kriegen."

Leider lässt das allenfalls Schlüsse über Altenmüllers Bekanntenkreis zu. Denn im Labor konnte er die Annahme nicht bestätigen, dass es eine global wirksame Methode zur Erzeugung von chill gebe, wie der Gänsehauteffekt auf Englisch heißt. Bei den Probanden ließ er sich nur mit Musik auslösen, die sie mit einem emotional aufwühlenden Erlebnis verbanden. Beim Versuch, gemeinsame musikalische Charakteristika all dieser Lieder zu finden, stießen die Forscher nur auf ein paar sehr allgemeine Attribute: laute Stellen, aufsteigende Melodien, Schockeffekte – just die Elemente, auf die der Hirnstamm anspringt. Ansonsten sind die chill- Faktoren von Individuum zu Individuum verschieden.

Wenn es um die Frage geht, wie man konkret mit Musik bei einer großen Zahl von Menschen eine bestimmte Emotion auslöst, müssen die Musikforscher passen. "Fragen Sie einen Filmmusik-Komponisten", sagt Eckart Altenmüller. "Die Filmmusiker sind die wahren empirischen Emotionsforscher."

Als Forscher möchte sich der Filmkomponist Andreas Weidinger nicht bezeichnen. Eher als Ingenieur: "Ich bin so etwas wie der Architekt der Emotionen", sagt er von sich. Weidinger komponiert vor allem Musiken für die oft belächelten, aber äußerst erfolgreichen Melodramen, die das ZDF am Sonntagabend sendet. Er schöpft dabei mit vollen Händen aus dem emotionalen Repertoire, das uns vor allem die klassische Musik des 19. Jahrhunderts hinterlassen hat. "Da fliegt der Helikopter über die Küste Irlands, es knallt im Bild, und da kann ich auch mal die Posaunen einsetzen und eine richtige Melodie spielen!"

Filmmusik wird von vielen Zuschauern nicht bewusst wahrgenommen, sie entfaltet ihre Wirkung im Unbewussten. Kann uns der Filmkomponist erklären, wie das funktioniert? "Natürlich gibt es eine gewisse Routine, und ich weiß, dass es funktioniert, wenn die Cutterin im Schneideraum schon anfängt, bei einer Szene das Hauptthema zu summen", sagt Andreas Weidinger. Emotionen gezielt steuern kann der Komponist jedoch nicht. "Weil ich einfach zu wenig über den Hintergrund der Leute weiß, die den Film sehen."

Damit bestätigt Weidinger, was die Forschungen der Musikwissenschaftler ergeben haben: Es gibt einige einfache musikalische Parameter, die bei jedem Menschen wirken. Wenn der Komponist nach einem Rosamunde-Pilcher-Film begeisterte E-Mails bekommt, dann mag er das der schönen Melodie zuschreiben, die er zu dem Hubschrauberflug über Irland komponiert hat. Aber die emotionale Aufwallung könnte auch ganz andere Gründe haben: "Vielleicht waren die ja gerade da in Urlaub."

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