In den letzten Monaten sahen Nachbarn die Eltern noch einmal mit den Söhnen über die Felder ziehen. Vater und Mutter, die ihren Kindern den Hof erklärten: Wann mäht ihr die Wiesen? Wie repariert ihr einen Weidezaun? Wie mischt ihr das Futter für die Kühe an?

Was wie Leben aussah, wie ein Bild voller Zuversicht, war nichts anderes als ein Abschied. Und nun ist der Herrgott, dieser Fremdvertraute, ein viel gefragter Mann in Waging. Denn der "Herr über Leben und Tod", so steht es jedenfalls angeschlagen an der Kirchenpforte, hat binnen drei Tagen zwei Menschen zu sich gerufen: die Eheleute Daxenberger. In rasender Geschwindigkeit hat der Tod eine Familie zertrümmert. Just am Mittwoch, da Sepp Daxenberger im Alter von 48 Jahren starb, haben sie hier seine Frau Gertraud zu Grabe getragen, mit 49 Jahren dem Krebs erlegen wie ihr Mann.

Das Paar hinterlässt drei Söhne, einen Hof von 15 Hektar und einen Berg von Fragen: Warum so jung? Warum gleich beide?

Mit beinahe biblischer Gewalt hat das Schicksal zugeschlagen im oberbayerischen Waging am See. In der Friedhofskapelle stehen zwei Bilder, nicht eines: Gertraud und Sepp, zwei rosig-volle, frohgemute Gesichter. Ringsum Blumen und Kränze, ganz vorn zwei herzförmige Bouquets aus roten Rosen, geflochten im Abstand von drei Tagen: "In Liebe – Felix, Kilian und Benedikt". Der Abschied der Kinder, 20, 17 und 12 Jahre alt.

Der kleine Urlaubsort im Vorland der Berchtesgadener Alpen wäre mit der Familientragödie wohl allein geblieben, wenn mit ihr nicht auch ein politischer Verlust einherginge: Sepp Daxenberger war der erste grüne Bürgermeister in ganz Bayern und zuletzt Fraktionschef seiner Partei im Landtag. Mit 24 hatte er den elterlichen Hof übernommen und auf ökologischen Landbau umgestellt. Seitdem glich sein Leben einem landesweit beachteten Feldversuch, war alles Private politisch: Daxenberger benutzte keinen Kunstdünger, warnte vor Gentechnik und "Vollgaslandwirtschaft". Wortgewaltig trug er seine Alltagserfahrungen von den Äckern ins Parlament. Und galt bald als einziger Oppositionspolitiker im Land, der sogar Tiefschwarze davon überzeugen konnte, dass sie eigentlich Grüne seien.

Jetzt hat der Tod ausgerechnet jenen Mann besiegt, der immer mit seinem Leben argumentiert hat. Das persönliche Schicksal und der politische Verlust haben nichts miteinander zu tun und sind doch nicht zu trennen an diesem Samstagmorgen, an dem viel Prominenz in Waging eingetroffen ist, mit Polizeieskorte, Sprengstoffspürhund und Hubschrauberkrawall. Die Pfarrkirche St. Martin ist zu klein für den Andrang; auf dem Kirchhof, dem Rathausplatz: überall Menschen. Christen neben Atheisten, Landmenschen in Trachten neben Stadtmenschen in schwarzen Maßanzügen. Leise wispern die Waginger die Namen derer, die in den ersten Reihen ihrer Kirche Platz genommen haben und die sie sonst nur aus dem Fernsehen oder dem Wahlkampf kennen: Claudia Roth und Renate Künast von den Grünen. Franz Maget von der Bayern-SPD. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die Bundesjustizministerin aus Bayern. Und Horst Seehofer, der Ministerpräsident, den Daxenberger jüngst noch ein "Windfahndl" genannt hat, eine Windfahne. Mit durchgedrücktem Rücken sitzt er in der Bank.

Seit die Daxenbergers von der Krankheit wussten, waren sie eine Familie auf Abruf

Es ist zehn Uhr an diesem Samstagmorgen, draußen am Badesee scheint die Sonne für die Touristen, und in der Kirche müssen die drei Söhne zum zweiten Mal durch das Spalier der Trauernden. Welche Last haben sie getragen in den letzten Wochen, in denen sich alles verkehrte, in denen die Kinder ihre Eltern versorgen, ermutigen, trösten mussten? Seit sieben Jahren haben sie von der Krankheit des Vaters gewusst, seit zwei Jahren von jener der Mutter. Es war ein Dasein unter Vorbehalt in genau jener Lebensphase, in der andere Familien harmloser Alltag umfängt, in der sich Eltern und Kinder bedenkenlos in die Zukunft treiben lassen. Auf dem Hof der Daxenbergers lebte eine Familie auf Abruf.

In der Kirche spielt die Orgel auf, der Chor stimmt ein. Nah am Mittelgang kniet ein sehniger, bärtiger Mann, den eine besondere Geschichte mit den Daxenbergers verbindet, wieder eine, in der sich Privates und Politik vermischen, von der die Prominenz ein paar Reihen weiter vorn aber nichts ahnt: Heinrich Thaler, 55, war bei der Waginger Bürgermeisterwahl vor 14 Jahren der Kandidat der CSU, der gegen den Grünen Daxenberger verlor – und er ist der Mann, der seinen Freund Sepp bis zuletzt am Krankenbett besuchte. Am Tag vor der Trauerfeier hatte Thaler sein Herz geöffnet und erzählt, was für eine Tortur der Wahlkampf damals, 1996, für ihn war. "Der Sepp und ich, wir waren ja beide Biobauern, haben dasselbe Gedankengut gehabt – aber leider gab es in meiner Partei Personen, die glaubten, sie müssten hier Bundestagswahlkampf machen."