Vor diesem Hintergrund spüren die Bürger, dass das deutsche Modell der sozialen Marktwirtschaft die Grundwerte aller Europäer verteidigt und dass es mit der Stabilität innerhalb eines einzelnen Landes nicht getan ist. Viele Europäer fürchten um ihre Rente, sie wünschen sich einen stabilen Euro. Die eine oder andere Nation mag Deutschland öffentlich kritisieren, doch im Grunde weiß man sehr wohl, dass die deutsche Unnachgiebigkeit eine Garantie für alle bedeutet. Kein anderes Land setzt die Sehnsucht nach Stabilität so unmittelbar um wie die Bundesrepublik.

Das manifestiert sich zum einen in der lebendig gebliebenen Erinnerung an die verheerende Wirtschaftskrise der zwanziger Jahre und zum anderen in der Überzeugung, den Euro in den letzten Monaten erfolgreich verteidigt zu haben. Einige hoffen, die Bundesrepublik tue dies, damit sich das Stabilitätsziel nicht in nationalen Interessen verliert. Andere glauben, die gemeinsamen Interessen seien bereits zugunsten Letzterer hintangestellt.

Für die Kanzlerin ist dies ein historischer Moment. Als Teil einer europäischen Gemeinschaft, mit der sie seit ihrer Gründung im Jahr 1949 schicksalhaft verbunden ist, und als wirtschaftlicher und politischer Motor Europas hat die Bundesrepublik die Pflicht, sich für eine Wirtschaftsunion stark zu machen, die weit über die gemeinsame Währung hinausreicht. Sie muss bekräftigen, dass die europäische Solidarität auf gemeinsamen Rechten und Pflichten beruht, und deutlich machen, dass die Stabilität ein wirtschaftlicher und sozialer Sicherheitsgarant künftiger Generationen ist. Immerhin ist sie für das diffuse Bedürfnis nach Beständigkeit empfänglich, kann den Zusammenhang zwischen Stabilität und Gemeinsinn aufzeigen und ist in der Lage, eigene Interessen in einen europäischen Zusammenhang zu stellen.

Es ist deshalb durchaus sinnvoll, dass Angela Merkel auf einigen Eckpunkten beharrt, wenn sie sich an die Europäer wendet: Die europäische Integration ist grundlegender Bestandteil der deutschen Identität; die Stabilität ist von allgemeinem Interesse; sie wird durch die europäischen Institutionen begünstigt; das durch steigenden Export oder maßvolle Lohnentwicklung geförderte wirtschaftliche Wachstum darf nicht zulasten anderer gehen; nicht zwischenstaatliche Koordinierung, sondern Integration bleibt das entscheidende Ziel. Eine solche Bekundung seitens eines Landes, das sein Wirtschaftssystem in den vergangenen zehn Jahren umgekrempelt, seine Wettbewerbsfähigkeit unter Beweis gestellt und den sozialen Frieden bewahrt hat, hat den Sorgen der Duponts, Müllers, Rodriguez und Rossis etwas entgegenzusetzen.

Deutschland muss sich von der Zwangsvorstellung befreien, der Hauptbeitragszahler des EU-Haushaltes zu sein; es darf nicht glauben, es sei das einzige Land, das Opfer bringt; es muss seine selbstgefällige Haltung bei der Durchsetzung seiner Interessen in Brüssel ablegen. Umgekehrt darf es stolz auf seinen einzigartigen Beitrag zum europäischen Gemeinwohl sein, und das in vierfacher Hinsicht: auf die Härte beim Ringen um den Euro, auf die Eindämmung des Defizits, die Senkung der Staatsverschuldung sowie das Festhalten an der sozialen Marktwirtschaft. Dieser relative Vorteil kann den deutschen wie den europäischen Interessen von Nutzen sein. Der europaweite Wunsch nach Stabilität und politischem Anstand zeigt, dass die Europäische Union tatsächlich als Einheit wahrgenommen wird. Die Verbindung deutscher Interessen und allgemeiner europäischer Bedürfnisse steht kurz bevor. Das ist der Weg zum Erfolg, und Angela Merkel ist genau die Richtige, dies zu beweisen.

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull