Er ist ein Chevalier, wie er nicht im Buche steht. Ihm fehlt das Erhabene, Gesetzte und Gespreizte. Dieser moderne d’Artagnan ficht mit Leidenschaft um die Musik wie weiland Jeanne d’Arc um ihre Träume. Bei Éric Le Sage ist das Visionäre Programm; mit frappierend moderner Ritterlichkeit stürmt der Pianist seit geraumer Zeit durch Klavierkompositionen Robert Schumanns, dessen bedeutendster französischer Kurator er derzeit ist. Sein Interesse gilt dem ganzen Schumann bis zum letzten Werk, den windstillen Geister-Variationen. Das gesamte Klavierwerk spielt er seit einigen Jahren für das französische Label Alpha ein; soeben wurde es mit dem Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik geehrt.

Éric Le Sage, 1964 in Aix-en-Provence geboren, hat zu Schumann eine beinahe reife Beziehung. 1985 gewann er den Robert-Schumann-Wettbewerb in Zwickau – da war er 21 Jahre, so alt wie Schumann, als der seine wegweisend-frühen Papillons konzipierte. Vor allem zeichnet es Le Sage aus, dass er bei dem großen deutschen Romantiker alles gleich ernst und wichtig nimmt. Kaum ist da etwas nonchalant vernuschelt; der Geist der französischen clarté, von jeher Zielpunkt und Ideal französischer Klavierästhetik, pustet allen Nebel fort. Das führt zu einem gleichsam polyphonen Klavierdenken, das verdeckte Mittelstimmen und gegenläufige Rhythmen, zwei Spezialitäten Schumanns, bisweilen in den Rang der Hauptsache hochspielt. Dann kommt einem dieses hellsichtige Klavierspiel vor wie eine positive Form von Geheimnisverrat.

Man kann diese Serie tatsächlich euphorisch empfehlen – wegen eines wachfingrigen Carnaval, wegen der tief schlichten Kinderszenen und Waldszenen, wegen Le Sages Ehrenrettung der alle Kräfte fordernden Humoreske und der wonnigen Bunten Blätter, wegen der artistischen, albtraumdunklen Fantasiestücke op. 12 und wegen der kraftvollen, endlich einmal nicht leichenblassen Gesänge der Frühe op. 133. Denkwürdigen Raum im Kabinett jüngerer Schumann-Aufnahmen nimmt Le Sage aber auch ein wegen der ergreifenden, selten gespielten vier Nachtstücke op. 23. Sie beginnen mit doppelbödiger akkordischer Einfalt, die sich schön weitet zu einem lebhaften zweiten und einem wie vom Schwungrad getriebenen dritten Stück. "Einfach" – so die Überschrift – geht der Zyklus zu Ende, aber er hat sensationelle Momente schumannesker Poesie, die den bekannteren Großwerken nicht nachstehen.

Auch in Neuaufnahme von Klavierquintett und Klavierquartett (Vol. 10 der Serie) steht Le Sage nicht im Verdacht, bei Schumann ein ältliches Tiefsinnsfässchen aufzumachen. Er spielt die beiden Werke mit seinen Streicherkollegen Gordan Nikolitch, Daishin Kashimoto, Lise Berthaud und François Salque jung, federnd, brillant, jedoch ohne Tumultbedürfnis – und mit einem lyrischen Empfinden, das Melodien aussingt, ohne sich von jemandem hetzen zu lassen, vor allem nicht vom eigenen Puls. Für alles also hat Musketier Le Sage Schwung, Magie und scharfes Florett. Touché!

Schumann: Klavierquintett, Klavierquartett, Alpha CD 166, Vertrieb: Note 1