Polen ist in Mythen vernarrt. Mit Inbrunst werden die Helden der Aufstände auf Monumente gehievt, Polens Geschichte gerinnt zu einer langen Kette heroischer Taten. Der Historiker, Dramatiker und Essayist Tomasz Łubieński, 1938 in Warschau geboren, aber liebt es, an Mythen zu kratzen. So hat er sich vor einiger Zeit, zur Empörung vieler glühender Patrioten und vaterländischer Historiker, des Aufstands von 1944 gegen die deutschen Besatzer angenommen (wie in den siebziger Jahren schon der Aufstände gegen die Russen im 18. und 19. Jahrhundert). Łubieńskis ketzerisches Urteil: Vergeblich war der Aufstand, zu viele Opfer verlangte er, falsch von Anbeginn an!

In seinem neuen Buch 1939. Noch war Polen nicht verloren seziert er den Tag des Überfalls der Deutschen, den 1. September 1939; jetzt hat es, kein Jahr nach dem Erscheinen, der Berliner Verlag edition.fotoTapeta auf Deutsch herausgebracht (152 S., 12,80 €). Wieder schlugen die Wogen hoch. Denn, nicht wahr, selbst wenn die Nationalkonservativen eine Heldenlegende daran so recht nicht knüpfen können – zu einer Art heroischem Opfermythos taugt dieses Datum allemal. Zumal wir, die deutschen Nachbarn, aus polnischer Sicht diesen Jahrestag meist kühl ignorieren. Und jetzt kommt so ein Kleingläubiger wie Łubieński! Unerhört!

Doch Łubieńskis fulminanter Essay ist alles andere als eine "Nestbeschmutzung". Geglückt ist ihm ein erstaunlicher schreiberischer Drahtseilakt. Von den letzten Friedensmonaten reicht das Buch bis zum 1. September 1939 und dann weiter zu Hitlers triumphalem Auftritt am 5. Oktober in Warschau. Den Wahrheiten und Legenden nähert sich der Autor-Provokateur in großen Linien wie in kleinen Schraffuren an – erläutert auch am Beispiel der eigenen Familie. Einer seiner Onkel war in dieser Phase Staatssekretär bei Außenminister Jozef Beck, zwei weitere Verwandte arbeiteten 1939 in dessen Haus, alle einschließlich des Vaters hinterließen Notizen.

Aber er nimmt deswegen kein Blatt vor den Mund. Auch die gräfliche Familie bekommt ihren Teil ab. Ein bisschen biegsam, blind, ressentimentgeladen, so ging es doch auch bei ihnen zu Hause zu. Nein, Łubieński klagt nicht einfach andere an. Verblüffend unbefangen gegen jedermann liest der Autor Spuren, ob nicht etwa Polen selbst in nahezu allen entscheidenden Augenblicken nahezu alles falsch gemacht und am Ende Hitler sein Kalkül noch erleichtert habe.

Aber der Reihe nach. Für Tomasz Łubieński hängen beide Daten zusammen: 1939 und 1944, der September und der Aufstand. Die Septemberlegende sei komplizierter, und sie sei tragisch, "weil sie der Wahrheit nah kommt". Was hatte Hitler wirklich verlangt?, spürt er der Frage von Geschichtsrevisoren nach. Den Anschluss von Danzig ans Reich, und dann den Korridor durch Ostpreußen, eine Eisenbahnlinie und eine Autobahn, was war das schon…