Den Mord plante Zhang Huping an seinen Feierabenden. Anfangs hatte er mit dem Gedanken gespielt, sein Opfer zu überfahren, so zu tun, als sei alles nur ein Unfall gewesen. Dann aber hatte er die Idee wieder verworfen, obwohl er eigens ein Auto dafür gekauft hatte – zu kompliziert. Wäre ein Messerstich nicht einfacher, schneller? Zhang wusste, dass er mit äußerster Vorsicht vorgehen müsste. Schließlich war sein Feind der mächtigste Mann im Dorf: Li Shiming, Dorffunktionär und damit oberster politischer Repräsentant der Partei, Inhaber einer Baufirma, ein Mann, der über die besten Beziehungen verfügte. Auf Webseiten studierte Zhang, wo sich Herz und Lunge in einem Menschenkörper befinden. Online bestellte er die Arbeitskleidung: schwarze Sportsachen, Sneaker, Sonnenbrille, weiße Handschuhe. Er orderte nicht in seiner Größe, er wollte es ja nicht selbst tun. Der erste Mann, den er anheuerte, sprang ab. Also sprach Zhang Huping jenen Schüler an, dessen Name fast so klang wie der seine: Zhang Xuping. Verwandt sind sie trotz des gleichen Nachnamens – Zhang – nicht, viele hier im Dorf Xiashuixi heißen so.

Zhang Xuping, Schüler einer technischen Berufsschule, 19 Jahre alt. Auf Fotos, die vielleicht seine letzten sein werden, sind seine Gesichtszüge weich. Auf einem der Bilder steht er auf dem Tiananmen-Platz in Peking, man kann die Größe des Platzes auf dem Foto nicht sehen und spürt sie doch, weil Zhang Xuping so verloren darauf aussieht.

Es brauchte etwas Redekunst und umgerechnet 100 Euro in Telefonkarten, um Zhang Xuping zum Mord an dem Funktionär Li zu überreden. Der Schüler kaufte zwei Messer, je zwölf Zentimeter lang, wie man sie im Dorf zum Schlachten der Schweine verwendet. Am Morgen des 23. September 2008 setzen sich die beiden Zhangs in ein Auto. Sie wissen, dass der mächtige Li auf dem Weg zur Schule ist, eine Konferenz soll dort stattfinden. Als Li das Treppenhaus betritt, springt Zhang Xuping aus dem Auto und rennt ihm hinterher. Im zweiten Stock holt er ihn ein, Li dreht sich um, und Zhang Xuping rammt ihm das Messer mitten ins Herz. Ein einziger Stich, das Opfer verblutet noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Zhang Xuping ist da schon über die Schulmauer geflohen. Er geht heim und isst zu Mittag wie jeden Tag. Niemandem fällt eine Veränderung an ihm auf. Eine Woche später wird Zhang Xuping verhaftet, die Polizei hat seinen Auftraggeber aufgegriffen, der alles gesteht und den Namen des Mörders verrät. Das erzählen die Mutter des Schülers, sein Bruder, die Leute im Dorf. ( Um die Karte zu vergrößern, klicken Sie bitte hier )

Als Zhang Xuping im vergangenen Oktober der Prozess gemacht werden soll, kommen so viele Menschen, dass das Gericht die Verhandlung verschiebt. Die Bewohner des Dorfes Xiashuixi und der angrenzenden Stadt Lishi haben eine Petition unterschrieben: 20699 Menschen, ein Zehntel der Bevölkerung, haben ihren Daumenabdruck unter ein Papier gesetzt, das darum ersucht, Zhang Xuping nicht zum Tode zu verurteilen. Weil er noch so jung sei, vor allem aber, weil der Funktionär Li Shiming so korrupt gewesen sei, dass er den Tod verdient habe.

Wehrte sich hier also einer eigenmächtig gegen eine übermächtige Staatsgewalt?

Das Opfer: »Die Partei hat ihn korrumpiert. Ich bin selbst Parteimitglied, ich weiß, dass er Schutz von oben hatte«, sagt der Amtsvorgänger über den erstochenen Li

Wie viele Fälle von Selbstjustiz es in China genau gibt, ist schwer zu sagen – auch weil über einige wahrscheinlich gar nicht berichtet wird. Große Aufmerksamkeit aber erreichte der Fall des jungen Arbeitslosen Yang Jia. Aus Wut über angebliche Misshandlungen durch die Polizei stürmte er im Jahr 2008 eine Wache in der Nähe von Shanghai und erstach sechs Polizisten. Yang wurde zum Tode verurteilt, im Internet aber feierten sie ihn als Volkshelden. Einige pilgerten gar die Berge hinauf, die der verstorbene begeisterte Wanderer einst bestiegen hatte. Da war der Fall der Kellnerin in einem Karaokesalon, die einen zudringlichen Funktionär mit einem Fruchtmesser erstach. Chinesische Medien berichteten ausführlich über das Ereignis. Und da war der Fall jenes Wachmanns, der ein Gericht in Hunan stürmte und drei Richter erschoss, weil er wütend darüber war, wie das Gericht seine Scheidung handhabte.

Was geschieht im Land? Und was geschah in Xiashuixi?