DIE ZEIT: Herr Ingenhoven, der Protest gegen den Bahnhof , den Sie für Stuttgart planen, ist so laut, als würde mitten in der Innenstadt ein Atomkraftwerk gebaut. Überrascht Sie das?

Christoph Ingenhoven: Sie können sich denken, dass ich mir mehr Freude, mehr Optimismus gewünscht hätte. Schließlich bekommt Stuttgart eine ungeheure Chance, die so nicht wiederkommen wird. Die Innenstadt ist ja schrecklich eingeschnürt, sie liegt in einem Tal, und weite Teile dieses Tals werden heute durch die Gleise und den Schlossgarten belegt. Das Projekt Stuttgart 21 will dafür sorgen, dass die Gleise in einem Tunnel verschwinden, sodass die Stadt endlich Luft und Raum bekommt. Und Sie glauben gar nicht, wie wunderbar die Ruhe sein wird, wenn endlich die Züge nicht mehr durchs Tal rumpeln. Diese Ruhe werden auch all jene genießen, die jetzt mit ihren Kerzen vor dem alten Bahnhof stehen.

ZEIT: Herr Palmer, stehen Sie auch mit einer Kerze vor dem Bahnhof?

Boris Palmer: Ich unterstütze den Protest und bin gegen diesen brachialen Irrsinn. Stuttgart 21 schadet dem Schienenverkehr im Land, weil die neuen Tunnelstrecken zu vielen Engpässen führen. Zudem ist das Ganze saumäßig teuer.

Ingenhoven: Das ist doch reine Polemik. Der neue Bahnhof bringt Stuttgart ungeheure Vorteile. So verkürzt sich die Fahrzeit zum Flughafen und zur Messe von 27 auf 8 Minuten! Und das wird viele Leute interessieren, mich zum Beispiel.

Palmer: Das ist richtig, aber eine Nebensache. Wichtiger ist die Anbindung der vielen Orte im Umkreis. Und da kann ich Ihnen berichten: Heute braucht der schnellste Zug mit Neigetechnik nach Tübingen 41 Minuten. Mit dem neuen Tunnelbahnhof braucht er 42.

Ingenhoven: Sie sprechen von einem Expresszug, der nur in Reutlingen hält. In Zukunft werden in Ihre 42 Minuten zwei weitere Haltepunkte integriert. Außerdem wissen Sie, dass die Strecken nach Mannheim, nach Karlsruhe, nach Ulm deutlich schneller werden.

Palmer: Auf der Strecke nach Mannheim werden Sie zwei Minuten sparen. Und nach München brauchen Sie nur zehn Minuten weniger als 1995.

Ingenhoven: Wenn wir aber von heute sprechen, brauchen Sie von Stuttgart nach München zwei Stunden und zwanzig Minuten. Zukünftig, wenn auch die Strecke Ulm–München ausgebaut ist, geht es in einer Stunde und vierzig Minuten. Wissen Sie, mir kommt es so vor, als wollten Sie gerne von den schnellen Strecken in anderen Teilen Deutschlands profitieren, selber aber keinen Beitrag leisten. Erst in der Summe vieler kleiner Zeiteinsparungen wird das Gesamtnetz der Bahn wirklich schnell. Deswegen muss Baden-Württemberg auch etwas tun.

Palmer: Ich will halt nicht vier Milliarden für vier Minuten ausgeben.

Ingenhoven: Tun Sie auch nicht.

Palmer: Doch, das ist der Zeitgewinn durch den neuen Tunnelbahnhof. 

Ingenhoven: Sie müssen doch auch sehen, dass sich Stuttgart 21 als Konjunkturprogramm im Lande auswirkt. Allein in der Stuttgarter Innenstadt gibt es ein Entwicklungspotenzial von mindestens einer Milliarde Euro.

Palmer: Das stimmt, aber die vier Milliarden, die Sie im Tal ausgeben müssen, um den Bahnhof in den Tunnel zu verlegen, bringen für die Verbindung von Mannheim nach Ulm nur vier Minuten.

Ingenhoven: Sie greifen sich jetzt ein besonders abstruses Beispiel heraus, das die Komplexität des Projekts verkennt.

Palmer: Nein, das ist die ICE-Strecke, auf der am meisten Zeit gewonnen wird.