Die Macht der Verdrängung gehört zu den stärksten Kräften im Menschen. Familienväter sehen schweigend über sich anhäufende Schulden hinweg – bis zum Ruin. Dann nehmen sie die Schusswaffe und töten sich und die Kinder. Frauen nehmen Schwangerschaften nicht zur Kenntnis – bis zur Geburt. Dann ergreifen sie ein Kissen und ersticken den Säugling. Es gibt Eltern, die nicht wahrhaben wollen, dass das eigene Kind vor ihren Augen verhungert, und die auch später, vor den Richtern, keine Erklärung dafür finden, wie sie es so weit kommen lassen konnten. Ein Strafgericht ist oft die Endstation, an der ein langer Verleugnungsprozess zum Stehen kommt und der Angeklagte der Wahrheit ins Auge blicken muss. So wie im Fall von Nadja Benaissa.

Die 28-jährige Sängerin, Mitglied der Mädchenband No Angels, weiß seit elf Jahren, dass sie mit dem Aids-auslösenden HI-Virus infiziert ist, und musste sich nun vor dem Amtsgericht Darmstadt dafür verantworten, dass sie trotz ihres Wissens mit verschiedenen Männern ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte, ohne diese über das Risiko zu informieren. Einen, R., hat sie nachweislich mit der tödlichen Krankheit angesteckt, und er ist es auch gewesen, der wegen gefährlicher Körperverletzung Anzeige erstattet hat. Anders glaubte er sie nicht aus ihrer Verweigerungshaltung reißen zu können, sagt er.

R. tritt im Prozess als Nebenkläger auf: ein schmaler, aufgebrachter Mittdreißiger mit gegeltem schwarzem Haar und Kapuzenpulli, von Beruf "Künstlerbetreuer". Sollte er je herzliche Gefühle für die Angeklagte gehegt haben, ist davon nichts mehr zu spüren. Aber vielleicht hat es sie auch nie gegeben. So wie er die Beziehung zu Nadja Benaissa schildert, scheint es sich um eine jener passageren Leidenschaften gehandelt zu haben, wie sie in der oberflächlichen Musikbranche an der Tagesordnung sind. Man traf sich nach der Trennung der No Angels im Sommer 2004 ein paarmal ("vielleicht siebenmal", sagt er, "kann auch öfter gewesen sein") und kam zur Sache: "Mal mit, mal ohne Kondom". Nadja Benaissa ist eine hübsche Frau. Der junge Mann macht auch vor Gericht kein Hehl daraus, dass er damals weder Liebe noch Innigkeit suchte, sondern Spaß.

Der Ernst stellte sich drei Jahre später ein, als eine Verwandte der Sängerin anrief und ihn fragte, ob Nadja "es" ihm nicht gesagt habe?

Ja, was denn?

Zunächst dachte R., mit "es" sei bloß eine ungewollte Schwangerschaft plus Abtreibung gemeint, weil: "So was kommt ja vor." Es dauerte einen Moment, bis er begriff, dass "es" diesmal nicht die aus den Fugen geratene Existenz einer Frau bedeutete oder das vorzeitige Ableben einer Leibesfrucht – nein, diesmal betraf "es" ihn höchstpersönlich. Sein lockeres Leben würde vorbei sein, vielleicht sogar sein ganzes Leben.

Im Jahr 2007 wird in R.s Augen aus dem Spielzeug Nadja Benaissa eine wesentliche und wichtige Figur. Plötzlich will er mit ihr reden. Auf einmal geht es um Verantwortung. R. will kein Geld, er will, dass sie ihm beisteht, will, dass seine Verzweiflung eine Adresse hat. Auf allen Kanälen versucht er, die Sängerin zu erreichen. Und läuft ins Leere, Nadja Benaissa trägt einen hermetischen Panzer aus Ablehnung, der sie vor der Wirklichkeit, insbesondere vor R.s Jammer und seinen Anklagen schützt. Sie lässt das Problem nicht an sich heran: Die No Angels sind gerade mit ihrem Comeback beschäftigt. Deshalb erreichen den Verzweifelten allenfalls "Drohungen aus dem Management" – mit dem Tenor, er könne sowieso nichts beweisen – sowie die einstweilige Verfügung eines Anwalts, der ihm Schmerzensgeldforderungen wegen übler Nachrede und Verleumdung in Aussicht stellt. Die Verwandte der Nadja Benaissa, die sich inzwischen mit dem Künstlerbetreuer solidarisiert hat, erzählt ihm, Nadja habe – auf die HIV-Infektion des R. angesprochen – bloß geäußert: "Er wird lernen, damit umzugehen."

Angesichts solcher Ungerührtheit sucht R. sein Heil im Strafrecht. Er wendet sich an den Mainzer Rechtsanwalt Hans-Dieter Henkel, der im Juni 2008 Anzeige erstattet. Auf sein Drängen hin wird Nadja Benaissas Krankenakte beschlagnahmt, Blutproben werden entnommen, und ein Gutachten wird in Auftrag gegeben, das feststellen soll, ob eine Ansteckung des R. durch Nadja Benaissa nachweisbar ist. Dieses Gutachten aus dem Münchner Max von Pettenkofer-Institut für Medizinische Mikrobiologie wird im August 2009 fertig und stellt eine enge Verwandtschaft der Viren aus den beiden Blutproben fest. Es handle ich um einen ausgefallenen afrikanischen Virusstamm, sodass die große genetische Nähe der Viren auch noch fünf Jahre nach der Ansteckung hervorragend nachzuweisen sei. Eine solche Nähe aber lasse sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nur durch eine direkte Infektionsübertragung erklären.