Die Lippen dünner als die von Angelina Jolie, die Oberweite ein wenig geringer. Ansonsten aber ganz Lara Croft . Die Vorstellung, die sich Männer in der Antike von einer Amazone machten, unterschied sich nicht grundsätzlich von der kraftstrotzenden Protagonistin im Computerspiel Tomb Raider und der von Jolie gespielten gleichnamigen Filmfigur. Sie waren stark, durchtrainiert und grausam – jene sagenumwobenen Frauen, die angeblich Krieg gegen Athen führten, vor den Toren Trojas kämpften und Alexander den Großen trafen.

Die griechischen Schriftgelehrten schilderten die schwer bewaffneten Amazonen als "männergleich" (Homer) und "wohlberitten" (Pindar). Sie sollen in einer männerfreien Gesellschaft gelebt haben oder zumindest in einer, in der alles anders war als im klassischen Griechenland: Im Amazonenreich verrichteten Männer Frauenarbeit, Frauen übernahmen Männerrollen. Und damit diese Verhältnisse bestehen blieben (so berichtete es Diodor), wurden die männlichen Nachkommen verstümmelt. Oder gar nach der Geburt getötet.

Stellten antike Künstler die männermordenden Bestien bildlich dar, mischten sie dem Schrecken Erotik bei, schließlich wurden die meisten Vasen von Männern gekauft. Also: entblößte Brüste, kurze Röcke, entrückter Blick. Die Amazone war in erster Linie eine männliche Projektion.

Als Mythos ohne großen Realitätsbezug macht sie einen Teil der aktuellen Ausstellung im Historischen Museum der Pfalz in Speyer aus. Den Angriff des Frauenheers auf Athen hat es nämlich nie gegeben. Vielmehr war der Mythos der Amazonen eine kulturelle Schöpfung, ein zugespitzter Gegengedanke. Er sollte wohl verdeutlichen, dass es zur männerdominierten Gesellschaft keine Alternative gab. Geografisch wurde dieser schlimme Gegenentwurf am Rand der damals bekannten Welt platziert, nördlich des Schwarzen Meers und im Kaukasus.

Doch die Ausstellung rekapituliert auch, was die aktuelle archäologische Forschung dazu beiträgt, die Wurzeln dieses Mythos zu ergründen. Was mag vor 3000 Jahren die Männer dermaßen fasziniert haben, dass ihre Fantasie überschäumte? Vielleicht waren es jene Kriegerinnen, deren Überreste in den vergangenen Jahrzehnten in den Steppengebieten zwischen Osteuropa und Sibirien zum Vorschein gekommen sind.

In zahlreichen Gräbern sind Frauen nicht nur mit Schmuck oder Keramik beigesetzt worden, sondern auch mit kriegstauglichem Gerät: Pfeilbögen, Speerspitzen, Dolchen, Reiterkleidung und Zaumzeug. Mit diesen Utensilien scheinen die Frauen unterwegs gewesen zu sein. Davon zeugen ihre Verletzungen: Die Frau im Grab von Semoawtschala hatte eine schwere Kopfverletzung erlitten, im Knie der Toten von Schurowka steckte eine verbogene Bronzepfeilspitze. Im Schädel einer der Toten von Tschertomlyk fand man eine dreiflüglige skythische Pfeilspitze. Trafen diese Frauen womöglich als "Amazonen" auf griechische Heere und beflügelten den Mythos?

Das kriegerische Frauenvolk hat es nie gegeben. Aber der Geschichtsschreiber Herodot berichtete immerhin von der Flucht der Amazonen an die nördliche Schwarzmeerküste – und dass sie sich mit den dort lebenden Skythen verbunden hätten. So lässt sich zumindest geografisch der Bogen in jenes Gebiet "am Rand der bekannten Welt" schlagen. Die Gräber belegen, dass es dort vor 2500 Jahren bewaffnete Frauen gegeben hat – allerdings kein Frauenvolk.