Sicherheitsgurte anlegen, und während der Fahrt auf den Verzehr von Sandwiches verzichten. "Hello! Good morning, my name is Trudy", stellt sich eine temperamentvolle Reiseleiterin im fliederfarbenen Dirndl vor. Trudy moderiert eine Sound of Music -Sightseeing-Tour – vier Stunden Salzburg, Stadt und Umland, im klimatisierten Reisebus auf den Spuren der originalen Filmkulisse und der historischen Schauplätze des 50 Jahre alten Hollywood-Musicals. Trudy wird all die hübschen Backstage-Anekdoten und Hollywood-Mogeleien während der Dreharbeiten zum Besten geben. Und sie wird Gäste sogar zum Singen, Summen und Schunkeln verführen – jawohl: Edelweiß, Edelweiß…

Wer The Sound of Music – kurz: SOM – nicht kennt, muss Österreicher oder zumindest deutschsprachiger Herkunft sein. In allen anderen Ländern der Erde wirkt die Schnulze von der true story of the famous Trapp family auch eine Generation nach ihrer Entstehung noch immer wie eine Droge. Mit jeder TV-Ausstrahlung kommen Tausende neuer SOM-Abhängiger hinzu, die für den Rest ihres Lebens die Melodien von Maria, ihrem Captain und seinen sieben Kindern als unausrottbare Ohrwürmer in sich tragen. In vielen Fällen spulen die Infizierten auf Stichwort sämtliche Songtexte auswendig herunter – leicht errötend und mit feuchtem Glanz in den Augen.

The Sound of Music ist einer der vier erfolgreichsten Hollywood-Musikfilme aller Zeiten, wird von Generation zu Generation weitergegeben und schnürt innige Familienbande durch gemeinsames Singen vor dem Fernsehgerät.

Die Einzigen, die diesem Phänomen widerstehen, sind Deutsche und insbesondere Österreicher. Nur bei ihnen ist das Rührstück von Maria, der jungen Novizin aus dem Stift Nonnberg, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs das Herz des gestrandeten U-Boot-Kommandanten Georg Ludwig Ritter von Trapp erobert und die sieben Kinder des Witwers zu einem Familienchor vereint, der sich nach der Flucht vor den Nazis im amerikanischen Exil Weltruhm ersingt, nicht in den kollektiven Schatz trivialer Mythen eingedrungen.

Der SOM-Tourbus kutschiert vorbei an Stift Nonnberg hinaus zu Schloss Leopoldskron, dessen seeseitige Fassade im Film als Motiv für das Haus des Barons Trapp diente. Am Freibad-Parkplatz nebenan wird gestoppt. Mehrere Dutzend Digitalkameras beginnen, Erinnerungsfotos zu speichern. Trudy erzählt derweil, wie einst Musicalstar Julie Andrews, die Film-Maria, den armen Christopher Plummer, ihren Partner, in Grund und Boden gesungen habe. Er wurde nach den ersten Aufnahmen durch eine singende Synchronstimme ersetzt. "So gemein!", findet Trudy. Die Touristenschar nickt.

Nicht die einzige Volte in der SOM-Legende. Nachdem beispielsweise Maria Augusta von Trapp, der Baron war 1947 in Boston verstorben, ihre aufpolierte Lebensgeschichte zu Papier gebracht hatte, verkaufte sie 1956 aus Geldnot sämtliche Rechte an Wolfgang Reinhardt, den Sohn des nach Hollywood emigrierten Regisseurs und Festspielgründers Max Reinhardt – für bescheidene 9000 Dollar. Eine Musicalversion der Trapp-Story von Richard Rogers und Oscar Hammerstein, die auf dieser Biografie basierte, brachte es am Broadway auf über tausend Aufführungen. Die Verfilmung durch Robert Wise verwandelte das unwiderstehliche Gemisch aus Alpenromantik, Liebesdrama, Familienidylle und Salzburger Nockerln endgültig zum internationalen Megaseller, der noch immer Geld in die Kassen von 20th Century Fox spült!