Wer rettet unsere Kommunen vor dem Finanzkollaps? Wer baut Netze für die Energie der Zukunft? Wer hilft, wenn das nächste Hochwasser droht? In unserer zwölfteiligen Serie besuchen wir Frauen und Männer, die schon heute in Berufen arbeiten, die morgen noch wichtiger sein werden.
Teil 1: Arzt

Worum hat er sich nicht alles kümmern müssen! Damals, als er noch ein klassischer Arzt war, so klassisch, wie ein Arzt nur sein kann: mit eigener Praxis, eigenen Angestellten, eigenen Geräten. Und eben auch mit Buchhaltung, Abrechnungen, Wartungsverträgen, Personalplänen. Ein bis zwei Stunden am Tag musste Marcel Pimer damals am Schreibtisch sitzen. Heute kann er stattdessen Unkraut jäten oder Rad fahren. Doch, doch, er ist immer noch Facharzt für Orthopädie, er empfängt seine Patienten auch immer noch in eigenen Praxisräumen. Der große Unterschied: Pimer ist Angestellter, die Räume hat sein Arbeitgeber angemietet.

Überall in Deutschland schießen derzeit Medizinische Versorgungszentren, kurz MVZs, aus dem Boden. Ende 2009 wurden 1454 MVZs gezählt, jedes Quartal kommen etwa 70 weitere hinzu. Mediziner wie Marcel Pimer können sich hier ohne finanzielles Risiko niederlassen. So müssen sie nicht die rund 100.000 Euro aufbringen, die es laut Marburger Bund kostet, sich als Hausarzt selbstständig zu machen. Fachärzte müssten wegen teurer Maschinen sogar bis zu 400.000 Euro investieren. Die Bereitschaft dafür sinkt zunehmend. "Viele unserer Kollegen und vor allem unserer Kolleginnen scheuen den Schritt in die Selbstständigkeit und die damit verbundenen ökonomischen Risiken", sagt Bundesärztekammer-Vizechef Frank Ulrich Montgomery.

Umdenken ist daher angesagt. Denn bis 2015 werden rund 70.000 Mediziner in den Ruhestand gehen. Vielerorts werden händeringend Ärzte in der Basisversorgung gesucht, also als Allgemein-, Kinder- und Frauenärzte. Roland Stahl, Sprecher der kassenärztlichen Bundesvereinigung, sagt: "Ärzten bieten sich momentan beneidenswerte Perspektiven." Auf dem Land werden Allgemeinärzte mit Investitionszulagen angelockt , kleine Kliniken zahlen Prämien. Während die Innenstädte oft überversorgt sind, droht bereits in städtischen Randgebieten der Ärztemangel.

Sind sie bereit umzuziehen, so können sich die Ärzte von morgen aussuchen, wie sie arbeiten wollen – wie im Fall Marcel Pimers. Mehrere Jahre hatte er es nach dem klassischen Modell mit einer eigenen Praxis in Helmstedt versucht, lange erfolgreich. Dann habe es für viele Leistungen plötzlich weniger Geld gegeben , sagt Pimer. Mit dem Einkommen sank seine Zufriedenheit. Der 44-Jährige setzte sich mit seiner Lebensgefährtin zusammen und überlegte: Wie würde er gern seine Arbeitszeit verbringen, wie seine Freizeit? Dann zog er nach Brandenburg.

Hier, in einem kleinen Dorf nahe Eberswalde, unterhält man sich über den Zaun hinweg, die Wege zu Freunden sind kurz. Da ist der Garten, der Wald, da kann man wandern oder radeln, so hat er sich das Leben vorgestellt. Bis zur Arbeit braucht er morgens 40 Minuten mit dem Fahrrad, "immer am Kanal entlang". Die aktuelle politische Debatte über die Gesundheitsversorgung? "Beunruhigt mich nicht mehr." Sicher, als Angestellter verdient er weniger als vorher. Aber dafür hat er weniger Sorgen und mehr Zeit. Auch das feste Einkommen weiß Pimer zu schätzen. "Schließlich schiebe ich den Schuldenberg aus der Selbstständigkeit vor mir her."

Pimers Arbeitsplatz ist ein kleines Sprechzimmer im Plattenbau des Medicus Center Eberswalde, die Einrichtung nicht mehr ganz neu, hellgelb gestrichene Tapete. Für seine Patienten nimmt sich der Orthopäde viel Zeit. "Kein Wunder, dass Sie Schmerzen haben", sagt Pimer und deutet auf ein Röntgenbild. "Da muss etwas gemacht werden." Die Aufnahme zeigt: Die Teilprothese im linken Knie ist verrutscht. Ob es denn noch Zeit habe mit der Operation, erkundigt sich die ältere Patientin bang. Pimer nickt. "Solange Sie keine Gewaltmärsche machen." Zu ihrem Hausarzt hat die Dame es jedenfalls nicht weit: Der sitzt im selben Stockwerk.

Kurze Wege sind das Prinzip der Versorgungszentren. In Eberswalde praktizieren unter anderem zwei Allgemeinärzte, ein Hals-Nasen-Ohren- und ein Kinderarzt. Teure Gerätschaften teilt man sich, Doppeluntersuchungen werden vermieden. Bereits zu DDR-Zeiten arbeiteten hier mehrere angestellte Ärzte unter einem Dach. Damals hieß das Konstrukt noch Poliklinik.