In den bewegenden Wochen, in denen sich Norwegen 1905 von Schweden löste und seine Souveränität erlangte, sandte der Dichter Bjørnstjerne Bjørnson dem Regierungschef Christian Michelsen ein Telegramm: "Jetzt gilt es, zusammenzuhalten." Michelsen telegrafierte zurück: "Jetzt gilt es, die Klappe zu halten." Die Episode ist nicht verbürgt, aber weithin bekannt, und gerade heute kann diese kleine Legende illustrieren, wie Norwegen mit der Europafrage umgeht. Das Thema spaltet das Land, viele Politiker würden es am liebsten nicht erwähnen. Eine Haltung, die man in der Schweiz bestens kennt.

Ja, es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen Norwegen und der Schweiz. Die Einwohnerzahl ist niedrig – 4,8 Millionen dort, 7,7 Millionen hier –, das Bruttoinlandsprodukt liegt weit über dem EU-Schnitt, beide sind Weltspitze bei der Subventionierung ihrer Landwirtschaft. Und in beiden Ländern lehnt eine stabile Volksmehrheit den EU-Beitritt ab. In Norwegen wandten sich nach der Griechenland- und Eurokrise 62 Prozent der Befragten gegen einen EU-Beitritt, in der Schweiz waren es zuletzt 63 Prozent.

Doch die beiden Kleinstaaten halten sich auf unterschiedliche Art fern von der EU. In Norwegen trat 1994 der zwischen EU und Efta ausgehandelte EWR-Vertrag in Kraft. Das Land hatte sich zuvor – via die Freihandelsassoziation Efta – erfolgreich Sonderrechte aushandeln lassen, etwa für Fischerei und Landwirtschaft. Aber auch strengerer Umweltschutz, eine restriktive Alkoholpolitik sowie die aufwendige Regional- und Sozialpolitik bleiben innerhalb des Europäischen Wirtschaftstraums (EWR) erlaubt.

Die Schweiz wiederum begnügte sich nach dem EWR-Nein von 1992 mit einem Beobachterstatus. Mit der EU handelte sie inzwischen 20 bilaterale Verträge und über 100 Nebenverträge aus. Wichtigste Ausnahme: Anders als im EWR sind Dienstleistungen und Investments (noch) nicht Teil der Bilateralen. Andererseits macht die Schweiz bei Forschungs- und Umweltschutz-Programmen der EU mit. Und in ihren Gesetzen hat sie viele Brüsseler Direktiven implementiert. Das vollständig oder teilweise übernommene EU-Recht betraf in den vergangenen zehn Jahren etwa 50 Prozent der neuen Gesetze, schätzt Thomas Cottier, Professor für Europa- und Wirtschaftsrecht in Bern.

Aber wie lange geht das noch gut? In den letzten Wochen wurde klar, dass die EU-Spitze kaum noch bereit ist, sich mit helvetischen Sonderwünschen herumzuschlagen – eine Botschaft, die übrigens auch in Norwegen gestreut wurde. "Es ist einfach zu aufwendig und bürokratisch, die 120 bilateralen Verträge mit der Schweiz ständig aufzudatieren", steckte eine Quelle aus der EU-Kommission der Zeitung Aftenposten.

Angesichts des neuen Drucks aus Brüssel taucht eine alte Idee aus der Versenkung auf: der EWR. Schweizer Politiker finden einen Beitritt plötzlich wieder prüfenswert, und dies verleitet zum Blick auf den wichtigsten EWR-Staat: Norwegen. Was hat der Beitritt dem Land gebracht?

Eine klare Bilanz hat der skandinavische Staat nach über 15 EWR-Jahren nicht vorzuweisen – noch nicht. Außenminister Jonas Gahr Støre kündigte im Januar an, er werde Kosten und Nutzen wissenschaftlich aufarbeiten lassen. "Beim aufwendigsten Vertragswerk, das Norwegen jemals abgeschlossen hat, drängte sich die Überprüfung seiner Auswirkungen förmlich auf", sagt Støre zur ZEIT. Die EWR-Bilanz wird 2012 vorliegen, und es ist absehbar, dass das Land dann nochmals eine Grundsatzdebatte über Europa führen wird. "Dann fordern wir auch eine breite Diskussion der Alternativen zum EWR-Kompromiss, und dazu gehört der bilaterale Weg der Schweiz", sagt Heming Olaussen, Präsident der Volksbewegung "Nein zur EU". "Wir wollen wieder mehr demokratische Volkssteuerung und uns nicht Brüssel unterordnen". "Nein zur EU" zählt 30.000 Mitglieder mit 150 aktiven Lokalgruppen, ist also mit der rechtsnationalen "Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz" (Auns) vergleichbar, politisiert aber eher links. "Wir mögen zwei Auswirkungen des EWR nicht", sagt Präsident Olaussen: "erstens das dynamische Element, EU-Direktiven automatisch übernehmen zu müssen". Denn das norwegische Vetorecht wurde noch nie ausgeübt – erst jetzt mit dem breiten Widerstand gegen die EU-Datenspeicherungs-Direktive steht der erste Test an. "Zweitens", so Olaussen, "greift Brüssel über diese Automatismen zu stark in die gesellschaftliche Entwicklung Norwegens ein."