Skisport - Eindrücke vom Skitraining

Viel Zeit haben sie nicht. Nur vier, fünf Stunden schenkt die Sonne den Fahrerinnen und Fahrern. Dann ist auch die Schattenwand an der Nordseite des Gletschers angetaut, und sie müssen zurück ins Dorf. Wenig Zeit also, und so drängen sich noch in der Dunkelheit zwölf, zwanzig, vierzig junge Menschen vor dem Drehkreuz der Talstation in Zermatt. Sie werfen unruhige Blicke zum Bahnwart, drängeln sich an den Seiten nach vorne, drücken gegen die Gatter wie junge Rennpferde in ihren Startboxen. Sie sind einige der besten Alpinfahrer der Welt. Aufgestanden, um ihre neuen Skier "an den Schnee zu bringen", wie ein Trainer sagt. Als sich das Drehkreuz lockert, ruft eine Französin: "Allez, allez, allez!" Und im Dorf ist es noch stille Nacht.

Oben auf der Gletscherpiste quietschen die trockenen Schneescheiben wie Styropor unter den Füßen. Es geht ein schneidender Wind. Die Trainer haben mit dicken Metallstiften Löcher in den Gletscherboden gebohrt und die Zeitmesser festgerammt. Nebeneinander die Finnen, die deutschen Damen, die Österreicher mit Marcel Hirscher und Reinfried Herbst, die Schweizerin Lara Gut. Weiter oben die Schweden, die Slowenen. Einer nach dem andern stößt sich ab von der Kante. Würden sie aufblicken, sähen sie über die Weite der Gletscherpiste hinweg das Matterhorn vor sich, die Spitze bereits ins Sonnenlicht getaucht. Doch sie sehen nicht auf. Die Zeit ist knapp.

In zwei Monaten müssen die Skier perfekt eingefahren sein, der Kopf muss frei sein: Dann rasen sie in Sölden zum ersten Mal in dieser Saison um den Weltcupsieg. Und so geht es schon Ende Juli auf die Gletscher. Bis September ist der Zermatter Theodulgletscher oft der einzige in Europa, der sich befahren lässt. Die Piste ist die höchstgelegene der Alpen, gut 3800 Meter über dem Meeresspiegel.

Es ist Mittag geworden unten im Dorf. Das Restaurant Kleines Matterhorn gleich neben der Talstation hat die Schirme auf die Terrasse gestellt. Ein Mann und seine Frau setzen sich mit dem Gesicht zur Sonne, essen einen Walliserteller und sprechen über die Schönheit von Granada. Ein Wanderer in kurzen Hosen breitet seine Karte aus.

"Letzter Lauf", sagt 2200 Meter höher der Trainer in sein Funkgerät. Er beobachtet durchs Fernglas, wie seine Männer fahren.

Um halb zwei Uhr nachmittags steigen elf Fahrer an der Talstation aus der Gondel. Den Rennanzug haben sie an der Hüfte umgestülpt, an den Füßen tragen sie Joggingschuhe. Sie setzen sich ins dunkle Innere des Kleinen Matterhorns und bestellen Pizza. Was ist das Besondere an Zermatt? "Es hat Schnee", sagt einer. Was machen sie an dem Tag noch? "Schlafen." Noch 54 Tage bis Sölden.