Die Branche verbreitet gern Optimismus, aber in einer Hinsicht hat die Krise bei den Versicherern mächtig durchgeschlagen: Die Zahl derjenigen, die ihre Lebens- und Rentenversicherungen vorzeitig kündigen, steigt und steigt. Im vergangenen Jahr war die Stornoquote so hoch wie nie zuvor. Und wenn sich die Branche darüber freut, im Jahr 2009 wieder 6,4 Millionen neue Verträge abgeschlossen zu haben, dann ist das nur die halbe Wahrheit. Ebenso wahr ist, dass ihr über sechs Prozent der Beitragssumme gleich wieder abhanden kamen – durch Kündigungen. Und dass von den neu abgeschlossenen Verträgen nicht einmal jeder achte die ersten Jahre überlebt.

Im verflixten siebten Jahr trennen sich statistisch gesehen nicht nur viele Ehepartner, sondern auch die meisten Kunden wieder von ihren Versicherern. Zum einen bedeutet das für die Sparer ein großes Verlustgeschäft, weil die Verträge bis dahin nur Kosten produziert haben, aber kaum Werte, die den Kunden zurückerstattet werden. Zum anderen drückt es auch die Erträge der Versicherer gewaltig, die Vermittlern hohe Provisionen dafür zahlen, die Policen unters Volk zu bringen. Und es verursacht letztlich hohe Kosten zu Lasten all derer, die ihre Verträge bis zum Ende besparen.

Frühstorno ist für die Kunden ein Riesenverlust
Versicherungsexperte Jochen Ruß

Dass die ohnehin hohen Stornoquoten noch weiter steigen würden, hatten viele schon befürchtet. Im Herbst 2008 klagten Versicherer bereits hinter vorgehaltener Hand, dass Kunden "massenhaft Verträge kündigten". Und Ende 2009 mahnte bereits jeder vierte Makler in einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Psychonomics, es würden mehr Verträge storniert als im Vorjahr. Die Versicherungs-Ratingagentur Assekurata stellte fest: "2009 steigt die Stornoquote nach vorliegenden Erkenntnissen marktweit auf über 6 Prozent an." Nach 5,5 Prozent im Jahr 2008.

Nur in den Zahlen des Versicherungsbranchenverbands GDV klang das merkwürdigerweise anders: Die Stornoquote sei sogar leicht gesunken, auf knapp unter vier Prozent, "angesichts der angespannten Wirtschaftslage ist dieser Rückgang erfreulich". Wie der Gesamtverband auf die niedrigeren Zahlen kommt, kann Reiner Will, Geschäftsführer der Assekurata, erklären: "Der GDV hat die Stornoquote 2009 erstmals in Stückzahlen berechnet, bezogen auf die laufenden Verträge. Und nicht mehr in Prozent der eingesammelten Beiträge." Die Grundaussage dadurch ist: Es werden weniger Verträge storniert. Dass es dafür aber insgesamt viel größere Verträge sind, die gekündigt werden – in ihnen stecken insgesamt 14 Milliarden an Versichertengeld – behält der GDV für sich.

Beim Verband heißt es dazu, mit der neuen Berechnung habe man der "allgemeinen Auffassung Rechnung getragen", wonach die Stornoquote meist mit der Anzahl der stornierten Verträge gleichgesetzt werde. Wahrscheinlicher aber ist, dass sich der GDV um eine zu hohe Quote sorgte, nachdem er schon in der vorhergehenden Aktienmarktkrise 2003 warnte, die Stornoquote in der Lebensversicherung habe "mit 5,5 Prozent ein sozialpolitisch bedenkliches Niveau erreicht". 2009 legte sie noch einmal zu. "Man kann darüber streiten, welche Stornoquote die bessere ist", sagt Reiner Will, "aber im Sinne der Vergleichbarkeit wäre es besser gewesen, bei einer Quote zu bleiben."

Unstrittig ist in der Branche aber eines: Die hohe Zahl der Schnellabbrecher ist das eigentlich Bedenkliche. Obwohl die meisten Kunden einen Altersvorsorgevertrag abschließen, der im Schnitt 28 Jahre laufen soll, werden ganze 12 Prozent der Verträge pro Jahr gleich in der Anfangsphase wieder gekündigt. Dann haben die Kunden zwar schon hohe Summen eingezahlt, aber am Ende sehen sie davon meist nicht mehr als 3000 Euro. "Frühstorno ist für die Kunden ein Riesenverlust", sagt Jochen Ruß, Geschäftsführer des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften in Ulm. Für den Versicherer aber auch. Der profitiert nur, wenn ihm die Kunden erst spät abhandenkommen. Hochgerechnet auf die Laufzeit der Verträge bedeuten die Quoten: 75 Prozent aller 30-jährigen Rentenverträge werden vorzeitig aufgelöst, nicht mal die Hälfte der 20-jährigen Verträge läuft bis zum Ende durch. Und selbst von den 12-jährigen wird ein Drittel gekündigt.

Warum so wenig Sparer die Verträge durchhalten, erklärt Jochen Ruß so: In Zeiten, in denen viele nicht einmal langfristig bei einem Partner, Job oder Wohnort bleiben, haben sie erst recht Bedenken, sich lebenslang an einen Versicherer zu binden. Das zeichnet sich bereits seit Jahren als Problem für die Branche ab. Oft ist es aber nicht bloß eine Frage mangelnden Willens. "Die meisten Storni passieren aus Notsituationen heraus", sagt Ruß, weil die Sparer in einen finanziellen Engpass geraten."