Sonntagmorgen, die Wiese ist noch feucht, die Sonne gerade warm genug, damit das knapp 19 Grad kalte Wasser im Schwimmbecken erfrischend wirkt. Gertrud Dareous, Trudel genannt, bereitet sich auf einen weiteren Sommertag in der Damenabteilung des Lorettofreibads vor. Die 84 Jahre alte Dame schließt ihre private Umkleide auf, eine Kabine aus weiß lackiertem Holz mit schwarzem Ziergriff, die pro Saison 25,50 Euro kostet und mit 124 Jahren älter ist als ihre Pächterin. Gertrud schnappt sich Liege, Sonnenschirm, Badeschlappen und Sonnencreme und trägt sie zu ihrem Stammplatz. Jedes Jahr im Mai zieht sie hier ein und im September wieder aus. Zum Saisonabschluss gibt es dann Sekt, Kuchen und ein großes Hallo unter den anderen "Stammfrauen", die das Damenbad im Sommer zu ihrer zweiten Heimat erklären.

Dass ein Freibad nur für Frauen in Deutschland das 20. Jahrhundert überlebt hat, ist ein kleines Wunder. Dabei wurde das Lorettofreibad wie alle Schwimmbäder ursprünglich als Herrenbad gegründet. Erst Ende des 19. Jahrhunderts richteten einige Bäder auch Frauenabteilungen ein, in denen die Damen sich erfrischten, denn schwimmen konnten die meisten nicht. In Freiburg hielten die Frauen 1886 am Pool Einzug. Später fielen im Zuge der Gleichberechtigung in den meisten deutschen Bädern die Geschlechterschranken. Nur nicht im Lorettobad. 1980 klagte ein Jurastudent sogar gegen das Herrenverbot – erfolglos, immerhin gibt es direkt nebenan ein großes Familienbad.

Die männerlose Welt, kaum größer als ein halbes Fußballfeld, beginnt hinter einer massiven Holztür in der Wand, die beide Badebereiche voneinander trennt. Gertrud baut ihre Liege an einem festen Standort auf: "Ich liege Loge", sagt sie, was bedeutet, dass man von ihrem Platz aus den besten Blick über das Gelände hat. Ein paar Meter weiter streckt eine Frau ungeniert ihren Bauch heraus, eine alte Dame sitzt nur im Höschen auf einer Bank, eine Studentin macht mit geschlossenen Augen eine Yoga-Übung.

Planschen? Tunken? Kreischen? Springen? Anbaggern? Das gibt es hier nicht! Die Damen dösen auf gelben, roten oder blauen "Spaghettiliegestühlen", schmieren sich die Sonnencreme dick ins Gesicht, ohne sich darum zu scheren, wie sie mit weißen Masken aussehen. Das Freiburger Bad, eine rechteckige Liegewiese, blickdicht von Umkleidekabinen gerahmt, gleicht dem Innenhof eines Harems ohne Sultan. Das Wasser im 25 Meter langen und 10 Meter breiten Schwimmbecken ist um diese Zeit noch klar, am Abend, wenn Hunderte Frauen gemächlich ihre Bahnen gezogen haben, wird es milchig schimmern. Herz des Bades ist ein alter, herrschaftlicher Nussbaum, unter dem junge Frauen mit Kindern, lernende Studentinnen und ältere Damen Schatten suchen. Seine Nüsse verarbeitet eine der Frauen jedes Jahr zu Likör.

Noch liegt Gertrud allein in ihrer Ecke, barbusig, genau zwischen dem vierten und fünften Pfosten der Trennwand zum Familienbad. Mit sechs Jahren hat sie hier schwimmen gelernt. Heute ist ihre Haut faltig und so braun, dass ihre kurzen weißen Haare umso mehr leuchten. Neben sich hat sie weitere Liegen für ihre Freundinnen aufgestellt, in fester Reihenfolge. Dann beginnt Gertrud ihr Ritual. Nach dem Schwimmen im noch fast leeren Becken cremt sie sich ein und liest eine Klatschzeitschrift. Wie jeden Sommertag seit 78 Jahren. Oder jedenfalls fast: Kurzzeitig wurde Gertrud ihrem "Lollo" auch untreu. 1950 ging sie nach Paris und arbeitete im Haushalt einer französischen Offiziersfamilie. 24 Jahre später, nach dem Tod ihres Mannes, kehrte sie nach Freiburg zurück, ins Lorettobad, ohne das ihre Sommer einsam geworden wären.

Es dauert nicht lange, bis sich die Liegen neben Gertrud unter den gestreiften Sonnenschirmen füllen. Nach und nach treten die Frauen ihrer Clique durch die Eingangstür: acht Damen, alle jenseits der 60. Stammgäste wie sie erkennt man daran, dass sie nur ein Handtäschchen bei sich haben. Adrett aufgerüscht liegen sie in Grüppchen beieinander und tauschen sich über Kochrezepte, Schönheitstipps oder die Enkel aus. Einige tragen den Schlüssel für ihre private Umkleidekabine wie einen Talisman direkt an der Halskette. Sie schmücken sich mit roten und pinkfarbenen Sommerhüten samt farblich abgestimmtem Nagellack.