Darf man, wenn man wenig Haupthaar hat, wenigstens seine Biografie frisieren? Wir vom Institut für Gesellschaftskritik finden: Ja. Und ist dieses der Handarbeit in der Mode gewidmete ZEITmagazin nicht genau der richtige Ort, um Ian Karan zu würdigen, den neuen Hamburger Wirtschaftssenator, der sich mit einigen präzisen Schnitten seinen Lebenslauf maßgeschneidert hatte?

Karan hat jetzt gestanden, dass es nicht Angela Merkel persönlich war, die ihn, den 71-Jährigen aus Sri Lanka, gebeten hatte, Deutscher zu werden. Und dass es nicht sein Protest gegen den Vietnamkrieg war, der sein Studium an der London School of Economics beendete, sondern die vielen Fehlstunden.

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Karan demonstriert also auch gerade in den Legenden, die er um sein Leben gestrickt hatte, großes Modebewusstsein – er war darin genau zur richtigen Zeit Antikriegsaktivist und wurde auf den Wunsch genau der richtigen Frau Deutscher. Man stelle sich nur vor, er hätte gesagt, er wäre auf Wunsch von Thilo Sarrazin Deutscher geworden oder hätte die Uni verlassen müssen, weil er gegen den Zweiten Weltkrieg demonstriert habe. Dass er sich nun nicht verstrickt hat, sondern ehrlich erklärt, dass er da wirklich Hand an die eigene Biografie gelegt habe, weil er "zu viel mit den Medien kokettiert" habe, spricht ebenfalls für echtes Stilbewusstsein.

Dass es nach kurzzeitigem Grummeln keinen ernsthaften Widerstand gegen die Wahl Karans zum Wirtschaftssenator gab, zeugt davon, dass Politiker und Kommentatoren offenbar ein gutes Erinnerungsvermögen dafür haben, dass auch ihre eigenen Lebensläufe durchaus abhängig vom Empfänger variieren und dass die dort vermerkten Tätigkeiten, etwa im Bereich "Soziales Engagement", einem Untersuchungsausschuss nicht wirklich standhalten würden.

Von Ian Karan ist außerdem bekannt, dass er mit mehreren Firmen in der Frachtcontainer-Wirtschaft tätig war, die kurz vor der Insolvenz standen – und die er dann durch Höhen und Tiefen führte und in den vergangenen Jahren für hohe Millionensummen an den Marktführer verkaufte. Dass man es ihm also weder zum Vorwurf gemacht hat, dass er zu viel Geld verdient, noch dass er romantische Schnörkel für einige Wegmarken seines Lebensweges gefunden hat, ist beruhigend. Es gibt in Hamburg einen feinen Sinn für handwerklich gut gemachte Biografien.