8. Werden wir wieder dümmer?

Machen moderne Gesellschaften die Menschen immer intelligenter? Der Politologe James Flynn war der Erste , der für diese Hypothese Belege fand. So stieg der Durchschnitts-IQ in mehreren Industrieländern ab Mitte des 20. Jahrhunderts um rund drei Punkte pro Jahrzehnt. Diese Entwicklung, so vermutet der Namensgeber des "Flynn-Effekts", müsse mit der industriellen Revolution eingesetzt haben. Als mögliche Gründe gelten: kleinere Familien (und damit mehr Aufmerksamkeit pro Kind), die allgemeine Schulpflicht, veränderte Freizeitgestaltung, besseres Essen, weniger Krankheiten, Technikspielzeug und geistig forderndere Berufe. Bloß – geht es so immer weiter?

Der Psychologe Tom Teasdale wies als Erster darauf hin, dass in den neunziger Jahren die IQs dänischer Rekruten ein Plateau erreichten und seither sogar leicht abnehmen. Zahlen aus Norwegen zeigen ähnliche Tendenzen. Auch in Mitteleuropa wird ein Rückgang vermutet – unzweifelhaft belegt wurde er aber bislang nicht. Auch Thilo Sarrazin argumentiert mit diesem Phänomen. Sinkende Intelligenzwerte nach Jahrzehnten des Wachstums wertet er als Beweis für seine These vom allgemeinen Rückgang kognitiver Fähigkeiten.

Nicht in Fruchtbarkeitsunterschieden und Erbanlagen hatten indes Teasdale und sein Kollege David Owen den Grund gesucht, sondern bei den Umwelteinflüssen: Sie machten das Ende der Bildungsexpansion für die Stagnation – oder gar den Rückgang – verantwortlich.

9. Gibt es "typisch türkische" Intelligenzhemmnisse?

Beim jüngsten Länder-Schulvergleich schnitten die Schüler mit einem türkischen Migrationshintergrund erneut schlechter ab als andere Migranten und deutschstämmige Schüler. "Dieser Abstand kann, so sagt die Studie, durch sozioökonomische Faktoren nicht erklärt werden", behauptete Sarrazin in der ZEIT (Nr. 35/10).

Die Autoren des Ländervergleichs sagen das nicht. Vielmehr lassen sich schlechte Testergebnisse deutschtürkischer Jugendlicher zum großen Teil mit ihrer sozialen Herkunft erklären. Sie spiele eine "bedeutende Rolle", so der Leiter der Studie, der Direktor des Kieler Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften , Olaf Köller. Ein weiterer wichtiger Faktor, so Köller, sei "die Tatsache, dass die türkischen Kinder außerhalb der Schule wenig Deutsch sprechen" – also ebenso keine angeborene Ursache. Von mangelnder Intelligenz spricht der Schulforscher nicht.

Ist der fehlende Wille der türkischstämmigen Eltern, Deutsch zu lernen, eine Ursache für die Sprachdefizite? Das haben Köller und seine Kollegen nicht gemessen. Dennoch könnte mangelnde elterliche Wertschätzung für Bildung, so wie Sarrazin suggeriert, tatsächlich eine Rolle spielen. Diese könnte zum Beispiel erklären, warum Jugendliche aus russischen oder polnischen Einwandererfamilien ihren Alterskameraden aus deutschtürkischen Familien in der Pisa-Studie 2006 beim Lesen um einiges voraus waren. Weil aber genaue Daten fehlen, bleibt all das Spekulation.

Fest steht jedoch, dass – anders als Sarrazin andeutet – Bildungsignoranz keine muslimische Charaktereigenschaft ist. So ragen die Schulabschlüsse von Jugendlichen aus Iran oder Afghanistan hervor: Bei den 20- bis 25-Jährigen können sie eine Abiturquote von 43,8 Prozent aufweisen, während diese unter den einheimischen Deutschen derselben Altersklasse bei 34,5 Prozent liegt. Anders als die türkischen Einwanderer, die oft als Hilfsarbeiter nach Deutschland kamen, stammen sie jedoch meist aus wohlhabenden und bildungsbewussten Familien.

10. Gibt es eine Verdummung durch Vererbung?

Wenn Intelligenz erblich ist und die Dummen sich stärker vermehren als die Schlauen, dann sinkt das intellektuelle Niveau des Landes. So lautet Thilo Sarrazins Grundthese. Sie stimme "allenfalls theoretisch", sagt der Marburger Intelligenzforscher Detlef H. Rost . Es würde nämlich nicht zwei oder drei Generationen dauern, bis eine Intelligenzminderung spürbar würde, wie es Sarrazin suggeriert, sondern bis zu zehn. Das liege vor allem daran, dass die IQ-Unterschiede zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen nicht besonders groß seien.

Falls sie denn überhaupt bestehen! Bisher hat niemand repräsentativ den IQ erwachsener Einheimischer mit dem von Deutschtürken verglichen. Als Beleg für behauptete Unterschiede werden stets Zahlen aus Schülertests zitiert.

Selbst wenn es Unterschiede gäbe: Sie könnten sich nur dann genetisch verfestigen, wenn sich weder am Heiratsverhalten noch an der Fertilität der Bevölkerungsgruppen über viele Jahrzehnte irgendetwas änderte. "Das aber widerspricht jeder historischen Erfahrung", sagt Rost. So gleicht sich etwa die Kinderzahl türkischstämmiger und deutscher Familien seit Jahren immer weiter an.

Biologistische Bedrohungsszenarien, wie sie Sarrazin zeichnet, hat es immer wieder gegeben. Bisher hat die Wirklichkeit sie alle widerlegt. Offene Gesellschaften verändern sich eben viel schneller als jeder Genpool.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio