Wenn man fast zehn Jahre alt ist, feuerrote Haare hat, als einziges Kind im Glimmerdal lebt und Tonje heißt, dann ist es unerträglich, wirklich vollkommen unerträglich, dass der bösartige Campingplatzbesitzer einen ständig Trulte nennt. Trulte! Das zeigt, wie sehr dieser Mann Kinder verachtet – in seiner Ferienanlage duldet er nur Erwachsene.

Tonje verabscheut ihn von Herzen, diesen Klaus Hagen mit seinem kinderfreien Wellness-Campingplatz, aber sonst hat sie wenig Kummer: Ihr Vater ist Bauer im Glimmerdal, ihre Mutter ist Meeresforscherin und meist auf weit entfernten Ozeanen unterwegs, kommt aber immer nach Hause zurück. Tonje hat zwei fröhliche Tanten, die in Oslo studieren und beim Skispringen Saltos schlagen können. Man brauche vor allem zwei Dinge im Leben: Tempo und Zuversicht, behauptet ihre Tante Eir. Und Tonje ist von beidem erfüllt: von sehr viel Zuversicht und sehr viel Tempo. Zum Beispiel wenn sie mit einem Rennrodel das Tal hinunterzischt, weiter, schneller, weiter, schneller, bis auf die Fjordfähre, die Glimmerdal mit der nächsten kleinen Stadt verbindet. Glücklicherweise sind die Erwachsenen jederzeit so gut über Tonjes Aktivitäten informiert, dass ihr Freund Peter rechtzeitig die Autos auf der einzigen Straße stoppen kann, die der rasende Rodel überqueren muss.

Das Wort "Idylle" stammt aus dem Griechischen. Meist wird es verwendet, um ein friedliches und einfaches ländliches Leben zu beschreiben. Und das Glimmerdal ist so eine Idylle, mit seinen großen, schweigsamen Bergen, seinen dunklen Tannen, der geheimnisvollen Höhle hinter dem Wasserfall. Alle Talbewohner kennen einander und achten aufeinander. Mit dem Stress, dem Lärm, der Hektik und den Menschenmengen großer Städte hat das Leben hier wenig zu tun. Vermutlich ist Sommersprossen auf den Knien deshalb so wunderbar zu lesen für Kinder und Erwachsene, deren Alltag von Stress, Lärm und Hektik bestimmt wird.

Schriftsteller aus Skandinavien sind besonders gut darin, idyllische Orte zu beschreiben – am berühmtesten ist sicher die Schwedin Astrid Lindgren mit ihrem Dörfchen Bullerbü und ihrer romantischen Schäreninsel Saltkrokan. Die junge norwegische Autorin Maria Parr (29 Jahre alt) schreibt bis in den Klang mancher Sätze hinein ähnlich wie ihre große Vorgängerin Lindgren. Die Geschichte von Tonje beginnt so: "Wenn du unten am Kai an Bord der Fähre gehst, dann spürst du sofort den Wind aus dem Tal. Selbst wenn es ein kalter Winter ist, spürst du ihn. Das Tal ist leicht zu finden. Es riecht nach Fichten. Und nach Tannen. Man muss nur losgehen." Und das ist der Anfang von Astrid Lindgrens Ferien auf Saltkrokan : "Geh an einem Sommermorgen in Stockholm zum Kai am Strandväg hinunter und schau nach, ob dort ein kleiner weißer Schärendampfer mit dem Namen Saltkrokan I liegt." Fähre wie Dampfer laden uns ein, die Stadt hinter uns zu lassen.

Das könnte leicht kitschig sein. Kitschig wäre das Glimmerdal, wenn Maria Parr so täte, als würde es moderne Zeiten mit ihrem schnellen Tempo gar nicht geben. Oder wenn sie behauptete, alle Menschen, die in abgelegenen norwegischen Tälern leben, seien glücklich. Das tut sie aber nicht. Tonje muss, wie sehr viele Kinder heute, damit zurechtkommen, dass ihre Eltern die meiste Zeit getrennt sind. Sie darf in den Ferien den ganzen Tag lang tun, was sie möchte – aber sie muss sich, als einziges Kind, eben selbst beschäftigen. Aus diesem Grund ist sie mit dem alten Gunnvald befreundet, der betörend Geige spielt, aber auch ein schwieriger Mensch ist. Griesgrämig ist er, oft schweigsam.

Als Gunnvald ins Krankenhaus kommt, entdeckt Tonje sein Geheimnis: Er hat eine erwachsene Tochter, für die er ein paar Jahre hatte sorgen dürfen, bevor seine Frau sie ihm wieder wegnahm und sie fortbrachte, nach Deutschland. In seiner Trauer hat der Vater die Tochter niemals angerufen – was die ihm kaum verzeihen mag. Es bedarf Tonjes ganzen Tempos und all ihrer Zuversicht, um die beiden wieder zu versöhnen.

Gunnvalds Tochter heißt Heidi, nach dem Mädchen aus Johanna Spyris berühmtem Kinderroman von 1881. Spyris Heidi und Maria Parrs Heidi erleiden ein ähnliches Schicksal: Sie werden beide an einen traumhaften Ort in den Bergen gebracht, die eine zu ihrem Großvater, die andere zu Vater Gunnvald, nur um nach kurzer Zeit wieder brutal fortgerissen zu werden. Johanna Spyri gehörte zu den ersten Autorinnen, die versuchten, in einem Kinderbuch die tatsächlichen Gefühle eines kleinen Mädchens zu schildern, seine Ängste, die Dinge, die es nicht versteht. Das war neu, denn Bücher für Kinder, wenn es sie überhaupt gab, hatten meist dem Zweck gedient, Kinder zu gutem und tugendhaftem Benehmen anzuhalten.

Es ist kein Zufall, dass das alte Heidi-Buch in Maria Parrs Geschichte eine große Rolle spielt: Auch sie lässt uns die Welt durch Tonjes Augen sehen. Und da wird deutlich, wie schön es ist, wenn es Erwachsene gibt, die immer da sind, wenn man sie braucht (und nicht stören, wenn man sie nicht braucht). Und wie sehr eine Idylle unter Umständen doch den Hauptverkehrsstraßen, den viel zu kleinen Kinderzimmern, den einfallslosen Spielplätzen und den gehetzten Eltern in der Großstadt vorzuziehen ist.