"Meine Oma", so heißt der erste Satz des Debütromans von Steven Uhly, "hat nie ein Hehl aus ihren Gefühlen gemacht." Doch dann, 260 unglaubliche und irrwitzige Seiten später, kurz bevor sich der Vorhang senkt, schreibt der Icherzähler Steven Uhly in seine schwarze Kladde die ersten beiden Sätze seiner Lebensbeichte und hebt an: "Meine Oma hat stets ein Hehl aus ihren Gefühlen gemacht. Zumindest vor mir." Und in diesem Moment verliert der Leser, der gerade einige Stunden lang durch ein waghalsiges Spiel aus Wahrheiten und Täuschungen balanciert war, dann vollends den Boden unter den Füßen. Selten in den letzten Jahren machte es in der deutschen Gegenwartsliteratur einen solchen Heidenspaß, auf einen Autor hereinzufallen.

Das liegt vor allem daran, mit welcher Zurückhaltung der Autor das ganze Buch über seine literarischen Waffen vorzeigt: Steven Uhly hat es nicht nötig, sich mit den postmodernen Erzähltheorien aufzuhalten, er lässt den Überbau sehr lässig nur an zwei, drei Stellen am Schluss aufblitzen, die einen dann aber in einem Höllentempo auf Metaebenen hochjagen, dass einem schwindlig wird, um einen dann ein paar Sekunden später wieder auf dem Boden, dem Rummelplatz des Lebens, auszuspucken. Und die Familiengeschichte rund um besagte Oma, die Steven Uhly ausbreitet, hat in der Tat die Grellheit und Drastik einer Jahrmarktattraktion. Wer je wissen wollte, was die Oma, die im Hühnerstall Motorrad fährt, vorher gemacht hat, der könnte hier ein paar Hinweise bekommen.

Am Anfang von Steven Uhlys Mein Leben in Aspik erzählt sie ihrem Enkel ein paar seltsame Gutenachtgeschichten. Am Ende bekommt sie ein Kind von ihm. Was aber insofern nichts Besonderes ist, als sie zuvor schon von dem Vater des Enkels eine Tochter bekommen hat. Welche wiederum etwa zur Mitte des Buches ein Kind von dem Halbbruder bekommt. Dessen Vater dann aber am Ende wohl doch eher diesmal der Vater ist. Was aber den Enkel letztlich nicht zu sehr erschüttert, da die indische Ehefrau seines Vaters gerade ein Kind von ihm bekommt. Was der chronisch gerontophile Vater wiederum zum Anlass nimmt, mit der Mutter seiner Ehefrau durchzubrennen. Ich hoffe, Sie konnten so weit folgen.

Uhly erzählt dies alles mit einer solchen Freude am Aberwitz, mit einem solchen Sinn für Dramaturgie, zerwühlte Betten und schnelle Dialoge, dass man als Leser mitgerissen wird und man sich in diesem Erzählstrudel schon bald an keinerlei Baumstämmen der Moral oder Logik mehr festhalten mag und verwirrt und begeistert durch die Fluten von Sodom und Gomorrha treibt. Denn wenn es so ist – so die indirekte Botschaft –, dass Familiengeschichten in Wahrheit nicht nur immer ganz anders sind, als man denkt, sondern auch viel schlimmer, dann kann man sich irgendwann doch dem Wesentlichen zuwenden. Doch ob das Wesentliche nun wirklich die große Liebe ist oder vielleicht doch der leichte Sex und die schnelle Zeugung, selbst da schwanken die Sympathien des Erzählers zwischen Romantik und Haptik hin und her.

Selbst noch im grandiosen Showdown des Buches, nachdem bekannt geworden ist, dass die halbe Familie bei Pornofilmproduktionen in den sechziger Jahren gezeugt worden ist, als die Oma mal wieder auf der Suche nach einer cleveren Geschäftsidee war, ist diese tiefere historische Wahrheitsschicht nicht mehr weiter relevant. Denn ganz am Schluss, als der Erzähler von seiner heiligen Oma Selbdritt (also Stiefmutter, Oma, Mutter seines Sohnes) erfährt, dass sein Großvater unter seiner jüdischen Identität die Mörderbiografie eines KZ-Aufsehers verbirgt, geht es nicht mehr um den Fluch, der auf der Familie liegt, nicht um die Gräuel im Zweiten Weltkrieg, nicht um die erschwindelte jüdische Existenz, nicht um die Pornos und nicht um die Lügen, sondern nur um eine einzige Frage: "Hast Du meine Oma geliebt?"

"Natürlich habe ich sie geliebt", spricht da der greise alte Mann. Und da sieht der Erzähler, dass natürlich auch dies wieder gelogen war. Und er am Ende wieder am Anfang steht. Das ist der Moment, in dem er beschließt, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben, und mit der Oma und ihren Gefühlen beginnt. Doch dann hadert er. Weil er nicht weiß, ob man die Wahrheit wirklich aufschreiben kann. Und: ob er sie kennt. Und wenn er sie kennen würde, ob das irgendjemandem helfen würde. Und dann endet dieses außerordentliche Buch. Man blättert noch einmal an den Anfang und liest, dankbar, die Gattungsbezeichnung: "Roman". Und man weiß, dass dies die Gattungsbezeichnung ist, die der Autor für die Familientradition grundsätzlich für angemessen hält.