Diese Frau ist eine radikale Idealistin. Ein Indiz dafür ist der kürzlich erworbene Webstuhl, der neben Kleiderstangen, Stoffballen und Schneidetischen im Atelier der Modemacherin steht. Jacqueline Huste fährt nun regelmäßig ins Ruhrgebiet, um bei einer alten Professorin das Handwerk zu lernen und später eigenhändig Wollschals für ihr Label Wolfen zu weben. Am Ende wird sie einen Verkaufspreis ansetzen, der so niedrig ist, dass sich der Aufwand kaum rechnet.

"Ich habe immer nur das gemacht, was ich für richtig halte", sagt Huste. Schlank und hochgewachsen, die Haare achtlos zu einem Zopf gebunden, erinnert die 40-Jährige in ihrem schlichten Sommerkleid und mit den nackten Füßen in Riemchensandalen an ein kleines Mädchen. Sie trägt kein Make-up, nicht mal Lippenstift. Wenn sie von ihrer Arbeit spricht, wird schnell klar, dass das Ungeschminkte und Natürliche die Ästhetik ihrer Mode spiegelt. Mode von Wolfen ist sehr ernsthaft und ehrlich. Die geradlinigen Jacken, Kleider und Röcke eignen sich kaum für einen dramatischen Auftritt, nichts an ihnen ist aufgebauscht oder übertrieben, sie leben von Eindeutigkeit und Klarheit. "Ein Rock ist ein Rock", sagt Huste, und damit ist eigentlich schon alles über Wolfen gesagt.

Huste wohnt und arbeitet dort, wo die Berliner Verkehrsbetriebe früher ihre Fahrzeuge warten ließen. Heute werden die Werkshallen im Stadtteil Wedding günstig als Ateliers vermietet, rund 60 Künstler haben sich bereits angesiedelt, und es sieht so aus, als würden die "Uferhallen" bald eine begehrte Adresse in Berlin. "Dann muss ich hier weg", sagt Huste, die erst kürzlich aus der aufgeregten Berliner Mitte geflohen ist. Sie hasst Trends und Trubel, hasst alles Modische, weshalb sie auch lieber von "Bekleidung" als von "Mode" spricht.

Leben und Arbeit sind bei Huste so eng miteinander verwoben, dass sie nicht zu unterscheiden sind. Vom Küchentisch aus blickt man, durch eine Glasscheibe getrennt, direkt in den Arbeitsraum hinein, und der Weg von der Nähmaschine ins Bett beträgt nur wenige Meter. "Ich arbeite eigentlich immer", sagt Huste mit ihrer hellen Stimme. Ohne so viel Leidenschaft und Hingabe hätte sie es als Autodidaktin wohl kaum geschafft, innerhalb von zehn Jahren ohne Investor ein eigenes Label samt Laden in der Auguststraße, Berlins bekannter Kunstmeile, aufzubauen.

Eigentlich ist Huste Architektin. Nach dem Studium arbeitete sie drei Jahre lang in dem renommierten Architektenbüro Gerkan, Marg & Partner. Doch kurz vor der Jahrtausendwende verbrachte Huste eine Zeit in New York und trieb sich dort mehr in den altmodischen Stoffgeschäften des Garment District herum als anderswo. In der DDR aufgewachsen, hatte sie sich ihre Anziehsachen oft selbst geschneidert, und in New York spürte sie die Leidenschaft wieder, mit der sie früher Stoffe eingefärbt und Kleidung genäht hatte. "Bei jedem Stück Stoff hatte ich sofort eine Vorstellung, was es für ein Kleidungsstück werden könnte." Zurück in Berlin, kündigte sie im Architektenbüro – ohne eine Vorstellung davon zu haben, wovon sie künftig leben würde. Mit 30 Jahren begann Huste von vorn.

Zunächst heuerte sie als Praktikantin bei einem befreundeten Designer an, dessen grafisch-strenge Mode ihr gefiel. Nähen konnte Huste schon, hier lernte sie, "korrekt" zu arbeiten, etwas so lange immer wieder neu zu nähen, bis es perfekt war. "Als Architektin hatte ich Verständnis für Proportionen und Formen, alles andere lernt man, indem man es einmal falsch macht. Oder indem man Sachen, die einem gefallen, auftrennt und schaut, wie sie gemacht wurden."