Die Lampen baumeln niedrig über Madame Beuvins Kopf. Sie hängen an Halterungen mit Porzellangewichten, seit fast 90 Jahren. Die Luft im Raum ist schwer und warm, ein paar Ventilatoren rühren darin herum. An der Wand hinter Madame hängt eine Uhr, sie ist stehen geblieben. Viviane Beuvin sitzt vor einem Rahmen, der mit schwarzer Seide bespannt ist. Mit sparsamen Bewegungen stickt sie glänzende Pailletten eng aneinander und erzählt von den schönsten Kleidern ihres Lebens. "Die Roben von Christian Lacroix – ich habe sie alle geliebt." Sie trägt einen weißen gerippten Pullover, eine goldene Gliederhalskette, ihr Haar ist zu einem schwarzen Pagenkopf frisiert. Sie könnte eine jener Damen der Pariser Gesellschaft sein, die sich teure Lacroix-Kleider leisten können. Dabei hat sie nie eines getragen – aber fast alle gemacht. Heute arbeitet sie viel für Chanel. Karl Lagerfeld, der Chefdesigner des Hauses, hat vor wenigen Jahren den Trend zur Luxus-Massenmode eröffnet, indem er eine Kollektion für den Discounter H&M schuf. Nun führt er den Gegentrend an: Das Handwerk erobert sich die Mode zurück.

Viviane Beuvin ist dienstälteste Stickerin des Ateliers Lesage. Der Handwerksbetrieb ist seit 86 Jahren die erste Adresse für feine Stickereien. 300 Kilo Perlen werden hier im Jahr zu kunstvollen Ornamenten zusammengefügt. Jede Perle wird einzeln per Hand aufgestickt. Wie auf Schulbänken sitzen die Damen bei Lesage dicht an dicht. Selten hatten sie so viel zu tun wie jetzt. Die Haute Couture, die Kunst der handgemachten, maßangefertigten Kleider, feiert ihr Comeback.

Dabei hat die exklusivste aller Modespielarten einen dramatischen Einbruch hinter sich. Vergangenes Jahr, in der Wirtschaftskrise, musste das Couture-Haus von Christian Lacroix Insolvenz anmelden. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es noch 59 Häuser in der "Chambre Syndicale de la Haute Couture", zurzeit sind es nur 10 Pariser Häuser, welche die strengen Voraussetzungen erfüllen. Dazu gehört, ein Atelier mit zwanzig oder mehr Näherinnen zu unterhalten und mindestens 35 Modelle pro Saison zu fertigen. Von der alten Dame der Mode war die Rede – und von Mode für ganz wenige alte Damen, die sich Luxus noch leisten.

Doch mit dem Ende der Rezession ist von Krise keine Rede mehr. Zwar werden keine genauen Zahlen genannt, aber Bruno Pavlovsky, der Modechef von Chanel, gibt an, man verkaufe 20 bis 30 Prozent mehr als im Vorjahr. "Wir haben viel mehr junge Kunden. Frauen, die etwas Einzigartiges haben wollen." Auch bei Dior spricht man von Zuwächsen.

Es ist eine Mischung aus neuem Geld und neuem Bewusstsein, das dem Aufschwung der handgemachten Mode den Weg bereitet. In vielen Ländern entsteht Reichtum – und das Bedürfnis, dafür etwas Besonderes zu bekommen, etwas, das es nur einmal gibt. Aus den Händen der Handwerkerinnen aus Paris.

Man kann diese Frauen nicht beobachten, ohne demütig zu werden, wie sie über ihren Rahmen gebeugt diese tragbaren Mosaike schaffen. Wer sieht, wie präzise sie Perlchen, Röhrchen, Steinchen, Plättchen aneinanderfügen und daraus Miniaturen wachsen lassen. Wer die schweigende Konzentration, diese ausdrucksvolle Stille erlebt hat, fühlt sich wie Samson aus der Sesamstraße: plump, tollpatschig, staunend.