ZEITmagazin: Herr Thoma, Sie haben im Jahr 1984 das Privatfernsehen in Deutschland eingeführt. Was schauen Sie selbst im Fernsehen?

Helmut Thoma: Hauptsächlich Nachrichten, Sport und irgendwelche Dokumentationen. Ich habe ja nie meinen Geschmack als Maßstab genommen. Der ist schon ein bisschen ein Nischengeschmack, das gebe ich gerne zu. Aber ich habe immer gesagt: Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.

ZEITmagazin: Wie sind Sie denn als Jurist ausgerechnet aufs Fernsehen gekommen?

Thoma: Ich wollte etwas bewirken, und die Zeit der großen Gründungsunternehmer wie Grundig war erkennbar vorbei. Aber beim Fernsehen, dachte ich mir, da wird noch etwas kommen, da will ich dabei sein.

ZEITmagazin: Sie wehren sich immer dagegen, dass das Fernsehen zum Belehrungsmedium wird. Sie wollen den Bedürfnissen der Zuschauer nachkommen. Aber manchmal muss der Mensch sich doch auch zu etwas aufraffen und sich ums Höhere bemühen.

Thoma: Ja, aber dafür ist das Fernsehen nicht da. Klar, manchmal muss man sich aufraffen, ganz unbestritten, aber was hat das mit Fernsehen zu tun? Das Fernsehen ist doch kein Kasteiungsmedium.

ZEITmagazin: Gab es in Ihrem Leben einen Wendepunkt?

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Thoma: Meine Kindheit war nicht einfach. Der Vater ist am zweiten Kriegstag gefallen. Da war ich eine Zeit lang ziemlich orientierungslos. Schule hat mich nicht gefreut. Ich bin dann auf der Hauptschule gelandet, und aus purer Verzweiflung habe ich eine Molkereilehre gemacht. Da stand ich mit 15 vor diesen rotierenden Butterfässern und habe mir gesagt: Das kann doch nicht dein Leben sein! Das war so ein Erleuchtungsmoment. Ich weiß noch genau, es war früh am Morgen 1956 und ziemlich kalt, und ich sagte mir: Jetzt will ich es wissen! Mit diesem Ruck habe ich innerhalb von zwei Jahren neben dem Beruf in Abendkursen das Abitur gemacht. Von diesem Ehrgeiz wurde dann mein ganzes Leben getrieben, das von da an ziemlich glatt lief. Mit 22 war ich promovierter Jurist, mit 27 Leiter der Rechtsabteilung beim ORF.

ZEITmagazin: Das heißt, die Extrarunde in der Molkerei hat gar nicht geschadet.

Thoma: Nein, die war von ungeheurer Wirksamkeit, sie hat den Schock meines Lebens ausgelöst, und das war meine Rettung.