Der Abend, an dem die Erzgebirgler beratschlagen, ob sie sich mit den Vereinten Nationen einlassen sollen, riecht nach Schweinebraten und Bauernfrühstück. Das Berghotel Pöhlberg liegt 832 Meter über dem Meeresspiegel, ein steiler Pfad führt von Annaberg-Buchholz weiter in den Wald hinauf. Auto-Aufkleber künden vom "Haamitland Arzgebirg". Die FDP hält Kreisparteitag in der Bergidylle.

Im Wirtshaus sitzen 50 Mitglieder, es gibt Freiberger vom Fass, zur Einstimmung läuft die Musik aus dem Film Fluch der Karibik. Dann schreitet der Kreisparteichef, Handwerksmeister für Holzspielzeug und Landtagsfraktionsvize Tino Günther vor die Meute wie ein mutiger Captain Jack Sparrow von Annaberg. Er nimmt sich ein Mikrofon und sagt: "Auf in die Schlacht!"

Die Schlacht beschäftigt die Menschen hier seit zwölf Jahren, in diesen Monaten findet sie ihren Höhepunkt. Eine Region ringt mit sich und auch mit der Welt. Das Erzgebirge streitet, ob es Weltkulturerbe werden soll: mit seinen Hügeln und Tälern, seiner über Jahrhunderte gewachsenen Bergbaulandschaft – und den prächtigen, von altem Reichtum kündenden Innenstädten.

Die Stadt- und Gemeinderäte der betroffenen Kommunen haben Planungsstudien bewilligt, die Bürgermeister sind begeistert. Der Landrat von Mittelsachsen, Volker Uhlig, ist Vorsitzender des Fördervereins. Allein: Die Landespolitik und manche Bürger streiken nun. Einige Parteien, voran die FDP, scheuen den Streit ums Erbe. Denn dies ist das Jahr eins nach der Aberkennung des Dresdner Welterbe-Titels.

Dabei ist die Chance für das Erzgebirge riesig, so lautet das Ergebnis mehrerer Studien der TU Freiberg. Es wäre der Aufstieg der Region in eine Liga mit den ägyptischen Pyramiden, dem Kölner Dom und der Akropolis. Im Zeitalter der Hitlisten ist das Unesco-Prädikat das beste Siegel. Zumal für Regionen, die bisher kaum Strahlkraft haben. Seit 1998 steht die "Montan- und Kulturlandschaft Erzgebirge" auf der deutschen Warteliste für die Aufnahme ins Welterbe. Jetzt wird es ernst. "Die Prozesse um die Waldschlösschenbrücke", sagt Frank Wend, Sprecher des sächsischen Innenministeriums, "haben für eine hohe Sensibilität bei dem Thema gesorgt." Das Erzgebirge muss sich nun überlegen, ob es berühmt werden oder weiter seine Ruhe haben will.

Nur hier ist die Entscheidung über die Bewerbung schwerer als diese selbst

Wird der Status, fragen die Kritiker, aus ihrer Region ein Museum machen; ist er eine "Käseglocke", konservierend und fortschrittsblockierend? Das Erzgebirge, dicht besiedelt mit einer Million Menschen, Standort von Zehntausenden produzierenden Betrieben, ist einer der wichtigsten Industrieräume des Ostens – noch immer.

Helmuth Albrecht sagt, dass er keine Welterbe-Stätte kennt, bei der die Entscheidungsfindung vor Ort schwerer war als das eigentliche Bewerbungsverfahren. Die FDP hat ihn zur Meinungsbildung ins Berghotel geladen, als Pro-Redner gegen eine ganze Kontra-Bank: Sie nennen ihn den "Unesco-Professor". Seit 13 Jahren leitet er den Lehrstuhl für Technikgeschichte und Industriearchäologie an der TU Freiberg, er ist Vorsitzender der "Projektgruppe Montanregion Erzgebirge". Albrecht ist der wohl wichtigste Mann hinter der Welterbe-Initiative.