Je greller das Rampenlicht ist, in dem Bundesbank-Vorstand und Autor Thilo Sarrazin steht, desto größer wird der Schatten, der auf seine Partei fällt. In hilfloser Wut fragen sich Sozialdemokraten, wie es sein kann, dass Sarrazin auch in den eigenen Reihen so lange als unbequemer Mahner betrachtet wurde, von dem selbst Sigmar Gabriel noch vor wenigen Monaten fand, seine Vorstöße "gehören in die SPD". Nun sucht man verzweifelt Wege, ihn loszuwerden.

Aber für welche Integrationspolitik steht die SPD, die bisher ohne einen Özdemir oder eine Özgun im Vorstand auskam? Wie kommt es, dass ausgerechnet die SPD, die früh für die Rechte der Gastarbeiter in den Betrieben kämpfte, heute so blank dasteht, wenn es um die Integration von Migranten in Deutschland geht?

Selbstkritik und Selbstmitleid liegen auf der Suche nach Erklärungen nah beieinander. "Es stimmt", sagt beispielsweise die neue Integrationsbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, Aydan Özoğuz, "die SPD hat sich an das Thema in letzter Zeit nicht mehr so recht herangetraut." Aber es gehe dabei auch nicht gerecht zu: "Wenn die CDU auch nur minimale Schritte unternimmt, heißt es: Toll, wie modern die sind. Wenn wir etwas machen, werden wir geschlagen – egal, ob es ein neues Staatsbürgerschaftsrecht ist, das modernisieren und öffnen soll, oder ein Zuwanderungsgesetz, das die Einwanderung erstmalig steuern soll."

Beide Gesetze, beschlossen von Rot-Grün, waren Revolutionen für Deutschland, beide überfällig – genutzt haben sie der SPD politisch nicht. Seither, so räumt auch der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz ein, habe man sich in der Tat "ein wenig zurückgelehnt".

In Berlin ist man dabei gerade böse hintenübergefallen. Im August präsentierte der SPD-geführte Senat als erstes Bundesland den Entwurf eines "Integrations- und Partizipationsgesetzes", das selbst in den eigenen Reihen als Realsatire verlacht wird. Zu den wenigen konkreten Vorgaben dieses Entwurfs, der Probleme eher begräbt als benennt, gehört, dass bei Beerdigungen künftig auch auf einen Sarg verzichtet werden kann, der Bestatter dann allerdings Gummihandschuhe tragen muss.

Statt "Kirchliche Feiertage" soll es künftig "Religiöse Feiertage" heißen. In jedem Bezirk wird es einen neuen Integrationsausschuss geben. Die Behörden sollen sich um mehr Menschen mit Migrationshintergrund bemühen, mit anderen Worten: Integration – ein Verwaltungsakt.

Von den vielen Misserfolgen, die einem in Berlin neben den gelungenen Geschichten eben auch begegnen, von den vielen Schulabbrechern und Transferleistungsempfängern, den vollen Frauenhäusern und kriminellen Karrieren ist dem Gesetz nichts anzumerken.

Im Gegenteil: Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, der das Thema vor einigen Monaten für sich entdeckt hat, spricht von den "millionenfachen Erfolgen" bei der Integration. Die SPD brauche sich da "keine Vorwürfe machen zu lassen".

"Bürokratisches Pillepalle", nennt sein Parteifreund Heinz Buschkowsky den Gesetzentwurf. Der Bürgermeister des Problembezirks Neukölln erfreut sich dieser Tage ganz ungewohnter Sympathiebekundungen aus der SPD. "Durch mich wurde er plötzlich als der ›Vernünftige‹, der ›Maßvolle‹ wahrgenommen", schreibt Thilo Sarrazin, und darin pflichtet Buschkowsky ihm bei. Auch sonst teilen sie viele Ansichten und Affekte.

Auch Buschkowsky möchte, "dass Berlin eine mitteleuropäische Stadt bleibt", auch für ihn soll der Muezzin woanders rufen. "Aber Sarrazin zerstört die menschliche Ebene", wendet der Bürgermeister ein. "Ich frage ihn: Thilo, was glaubst du, wie dein Buch bei meinen Partnern, den bildungsorientierten Arabern und Türken ankommt, auf die ich vor Ort angewiesen bin? Was glaubst du, was mein Schneider, meine Friseurin oder meine türkischstämmigen Beamten im Rathaus denken? Da sind jetzt alle Jalousien runter. Wenn ihr uns so seht, dann macht euren Kram doch allein, sagen sie."