Es sei immer "ihr Liebstes gewesen, sich mit Schwung zwischen alle Stühle zu setzen". Das hat ihr unlängst eine Freundin bescheinigt, die es wissen muss. Denn immerhin hält die Freundschaft schon 35 Jahre, zur Verblüffung derer, die meinten, die zwei Frauen würden sich eher streiten als einander mögen. Also lud man sie einst gemeinsam vor die Kamera, wohl in Erwartung eines quotenträchtigen Disputs. Doch die beiden mochten sich spontan und führten vor, wie Dialog funktioniert: einander aufmerksam zuhören, ohne Urteil oder Vorurteil. Darin hat sie es zur Meisterschaft gebracht und trainiert es bis heute – in einem fast biblischen Alter. "Es war mir von vornherein auf die Seele geschrieben. Das Suchen nach der Wahrheit eines Menschen", sagt sie. Von Einschränkungen des Alters mag sie ohnehin nichts hören, lieber orientiert sie sich an der Mutter, einer ehemaligen Lehrerin: "Sie ist mit 90 noch nach Afrika gefahren und bis 97 klar geblieben."

Schon früh war die Mutter ein Vorbild gewesen, weil sie im Vergleich zu den meisten Frauen ihrer Generation sehr emanzipiert lebte und dachte. Und so schickte sie nicht nur den Sohn, sondern auch die Tochter aufs Gymnasium. Das hieß, damit eine reale (und mentale) Grenze zu überschreiten in diesem Landstrich hoch im Norden. Den hat sie, das Abitur in der Tasche, flugs verlassen, erst in Richtung Süden, später in Richtung Westen. Bis sie das Fachgebiet fand, das ihr Beruf und Berufung wurde, sollte es allerdings dauern. Anfangs träumte sie wohl noch davon, Romanschriftstellerin zu werden, doch bald sah sie ein: "Mir fehlt die Begabung." Und da die Welt der Bücher zudem vermintes Terrain geworden war, wechselte sie ins Ärztefach. Auch privat ließ sie sich mehr Zeit als damals üblich. Und dann wurde sie doch fündig – zwischen allen Stühlen! Ausgerechnet in einen prominenten, älteren, in zweiter Ehe lebenden Mann hatte sie sich verliebt, einen Familienvater mit vier Kindern. Und den wollte sie sich angeln? Das verstieß gegen jede bürgerliche Norm und sollte selbst Jahrzehnte später noch moralische Vorbehalte schüren, als die zwei längst mit Trauschein und dem gemeinsamen Sohn zusammenlebten und -arbeiteten. Aber zum Glück gab es auch genügend Leute, die es beeindruckte, dass sich da zwei trotz solcher Widerstände zu ihrer Liebe bekannten. Mehr noch, dass da zwei sogar stark genug waren, sich gegen den Zeitgeist zu stellen und an sorgsam gehüteten Tabus zu rütteln.

"Sich selbst zu erkennen, das sollte eines unserer wichtigsten Ziele sein", lautet ihr Credo. Denn ohne Mut zur Selbsterkenntnis könne es nie eine Veränderung zum Guten geben im Leben. Und noch auf eine zweite Eigenschaft des Menschen setzt sie ihre Hoffnung: auf die Fähigkeit, über sich selbst und die seltsamen Wirrnisse des Lebens lachen zu können. In einem Land, wo Humor herrscht, haben Diktatoren keine Chance – davon ist sie überzeugt. Wer ist’s?

Lösung aus Nr. 35:
Der aus dem Kleinadel stammende Grigori Alexandrowitsch Potjomkin (1739 bis 1791) wurde Anfang 1774 Liebhaber der Zarin Katharina II., sie heirateten wohl im Juni 1774. Bis zu seinem Tod blieb er ihr Freund und Mitregent. In zwei Kriegen gegen das Osmanische Reich eroberte er den Süden Russlands und der Ukraine, 1783 die Krim. Als Vizekönig der südlichen Provinzen gründete er zahlreiche Siedlungen und Städte, darunter Cherson und Sewastopol, und baute in kaum mehr als zwei Jahren die Schwarzmeerflotte auf. Er starb in der bessarabischen Steppe in den Armen der Gräfin Branicka. Die "Potemkinschen Dörfer" wurden zu Unrecht nach ihm benannt, die Dörfer, die er Katharina II. 1787 vorführte, waren keine Kulissen