Früher hatte Holz einen eindeutigen Rang. Es war in einer Welt aus Plastik das Gute. Wenn Eltern ihren Kindern etwas pädagogisch Wertvolles antun wollten, dann nahmen sie den Nachwuchs mit zum Sankt-Martins-Markt der örtlichen Waldorfschule. Dort ließ man die Kleinen mit einem Lötkolben ihren Namen in eine Baumscheibe brennen, Holzperlenketten fädeln oder Ähnliches. Wenn Kinder besonders nachhaltig beeinflusst werden sollten, schickte man sie in den Waldorfkindergarten, wo sie lernten, ihr ganzes Leben aus Holz zu formen. Die wertvolle Welt war die aus unlackierten Holzbauklötzen und einer hölzernen Eisenbahn. Das Leben in Holz war das Gegenleben zum Leben in Kunststoff.

Kinder fanden das Plastikleben aber viel erstrebenswerter. Das war die Welt von Barbie, He-Man und Carrera. Plastik ist bunt und unvergänglich, aus Plastik sind Captain Future und die Star-Wars-Figuren. Kein Wunder, dass die achtziger Jahre Vollplastik und die Neunziger silberlackiertes Plastik waren. Die Zweitausender waren Karbonfaser, alles wurde immer künstlicher. Und jetzt? Jetzt erobert das Waldorfprinzip die Welt. Alles wird Holz. Nur einige Beispiele: der neue Duft von Comme des Garçons heißt Wonderwood und besteht aus Holznoten. Die englische Schmuckmarke The Branch verbindet Holz mit Edelmetallen, von Fendi gibt es Acrylglas-Armreifen mit Holznoppen, auch Marni hat Ketten mit Holzanhängern im Angebot. Marc Jacobs hat für seine Zweitmarke Marc by Marc Jacobs Holzclogs entworfen, Clogs sind auch in den Kollektionen von Miu Miu, Chanel und Celine zu finden.

Überall wird geklappert und gesägt, gefeilt und genagelt. Es ist, als sei die Welt ein Waldorfkindergarten. Längst findet man Holz nicht mehr nur als Material von Dingen, die sinnvollerweise daraus gefertigt werden. Es kommen immer mehr Produkte auf den Markt, die scheinbar grundlos aus Holz sind. Unter der Marke Waldmeister werden Fahrräder mit Holzrahmen vertrieben, und aus Indonesien kommt das liebliche Wooden Radio, das aussieht, wie für eine Puppenstube gefertigt.

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Holz ist eben nicht vernünftig. Holz ist Gefühl. In einer Welt, in der wir nicht einmal mehr verstehen, was in unserem Handy vorgeht, in der alles von uns entfremdet ist, erscheint Holz als das Warme, das Wahre – eben als die bessere Welt. Unsere Eltern hatten leider recht.