Es gibt einen Traum, der mich gelegentlich heimsucht, vielleicht dreimal im Jahr. In dem Traum bin ich total betrunken, ich merke, wie ich die Kontrolle verliere. Für mich ist das schlimm, denn vor zehn Jahren habe ich aufgehört, Alkohol zu trinken. Und während ich mir den Rückfall vorwerfe, schäme ich mich, dass ich es nicht geschafft habe, die Finger von einem Drink zu lassen. Ich frage mich: Wie konnte es nur dazu kommen? Warum bin ich plötzlich wieder betrunken?

Wenn ich aufwache, kommt eine Welle der Erleichterung über mich. Ich hatte doch keinen Rückfall! Allerdings bin ich auch peinlich berührt davon, wie simpel meine Träume sein können. Wo ich doch in meiner Arbeit versuche, so komplex wie möglich zu sein. Mein Unbewusstes erinnert mich so daran, dass ich mich in den achtziger und neunziger Jahren fast zu Tode gesoffen hätte.

Damals zog ich jeden Abend durch die Bars von Los Angeles, häufig auch durch die Transvestitenkneipen am Hollywood Boulevard. Wenn ich am nächsten Morgen aufstand, brauchte ich erst mal einen Wodka, damit meine Hände aufhörten zu zittern. Eines Tages gelangte ich aber an einen Punkt, an dem mir klar wurde: Ich war jetzt so viele Tage hintereinander betrunken, dass mich ein weiterer umbringen würde. Ich saß auf der Couch in meiner Wohnung, rief den Notarzt an – und spürte, wenn ich jetzt die Kontrolle über mich verliere, würde ich in der nächsten Sekunde sterben. Das war der Wendepunkt in meinem Leben.

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Der Entzug war sehr hart. Im Krankenhaus gaben mir die Ärzte Sedative, damit ich nicht hyperventilierte. Denn in so einer Lage besteht die Gefahr eines Herzinfarkts. Zum Glück fiel mir das Durchhalten nach dem Entzug nicht so schwer, wie ich befürchtet hatte. Ich ging weiter auf Partys, auf denen jeder Alkohol trank. Bis heute habe ich Alkohol im Haus, ich ermuntere meine Gäste sogar, welchen zu trinken. "Na los, sei ein bisschen schmutzig", fordere ich sie auf, während ich ihnen nachschenke.

Bei mir hat inzwischen das Rauchen das Trinken ersetzt. Und ich gehe wie verrückt ins Fitnessstudio. Das Training dort ist meine Ersatzdroge geworden. Trotzdem halte ich Alkoholismus nicht für eine Krankheit. Damit sucht man nur einen Schuldigen für sein Verhalten. Mir haben Alkohol und Drogen damals Mut gemacht, aus meinem strengen Elternhaus auszubrechen. Ich halte das für eine normale Erfahrung meiner Generation, der Babyboomer. Wir nahmen zu viele Drogen, gingen in eine Entzugsklinik und entdeckten dann Fitness, Veganismus oder Spiritualität.

In dem Zusammenhang musste ich neulich an Madonna denken, als ich in einem Muskelshirt für Fotos posierte. Mein Gott, ich bin wie sie!, dachte ich: Ich bin um die 50 und will allen beweisen, wie scharf ich noch aussehe.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz

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