Der 11. September 2010, der neunte Jahrestag der Terroranschläge auf New York und Washington, hätte ein Datum der Hoffnung werden können. Vor wenigen Tagen hat Präsident Obama den Kriegseinsatz der Vereinigten Staaten im Irak offiziell für beendet erklärt: ein Meilenstein der Wiederversöhnung zwischen dem Westen und der islamischen Welt, rechtzeitig zum Gedenktag des Massakers von 2001, das einen Kampf der Kulturen entfachen sollte.

Stattdessen ist heute, in Europa wie in Amerika, die Gefahr eines Kulturkampfes mit dem Islam so dramatisch wie seit Jahren nicht mehr. Vom Burkaverbot in Frankreich bis zum Sarrazin-Beifall in Deutschland reichen die Angst- und Abwehrgesten auf unserer Seite des Atlantiks. In den USA, dem Stammland der Religionsfreiheit, wehrt sich die Mehrheit gegen die Moschee, die in New York zwei Blocks entfernt von Ground Zero, der Schädelstätte des 11. Septembers, gebaut werden soll. Für den Jahrestag der Anschläge sind aufsehenerregende Proteste gegen die "Islamisierung Amerikas" geplant. Martin Klingst und Jörg Lau beschreiben in dieser Ausgabe die Verunsicherung der amerikanischen Muslime – und die neuartige, in den Vereinigten Staaten bisher unerhörte Feindseligkeit, die ihnen entgegenschlägt.

Die eigentliche, große Gefahr der neuen Konflikte mit dem Islam sind die inneren Spannungen im Westen selbst. Der äußere, militärische Kampf mit den radikalen Muslimen wird zurückgefahren, im Irak und eines Tages auch in Afghanistan. Im selben Augenblick jedoch wächst die Gereiztheit der öffentlichen Debatte, mehren sich Misstrauen und Intoleranz. In dieser Lage kommt alles darauf an, dem Virus der Militanz und Engherzigkeit zu widerstehen und der Spaltung der Gesellschaft entgegenzutreten. Die Welt zerfällt nicht einfach in "uns" und "sie", die Eigenen und die Fremden, wie die Beiträge von Özlem Topçu und Khuê Pham zeigen.

Der 11. September 2001 war ein Angriff auf die Sicherheit des Westens, und das war katastrophal genug. Amerika und Europa hatten und haben jedes Recht, sich gegen Terror und Radikalismus zu wehren. Aber die Ausgrenzung einer Minderheit dürfen sie nicht zulassen. Jetzt, am 11. September 2010, geht es um die moralische Integrität des Westens, und sie ist nicht weniger wichtig als die Sicherheit. Der Sieg der Intoleranz wäre eine Niederlage für alles, wofür wir stehen.

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