"Mich fragt ja keiner" – das war lange Zeit ein Satz schlecht gelaunter Taxifahrer, nörgeliger Rentner und verdrossener Tresenhocker, mit dem sie ihr allgemeines Missfallen am Leben ausdrückten. Oft hätte man erwidern mögen: "Warum sollte man ausgerechnet dich etwas fragen?" Dass mancher Bürger sich selbst zum "kleinen Mann" herabstuft, der für nichts verantwortlich ist und an allem etwas auszusetzen hat, ist nicht neu und, außer vielleicht für die Betroffenen, nicht weiter dramatisch.

In den vergangenen 20 Jahren aber hat sich etwas verändert, das schlimm werden könnte. Es wächst eine Verdrossenheit, die in den Reaktionen auf Thilo Sarrazins Buch nur ihren jüngsten Ausdruck findet: Offenbar verspüren immer mehr Menschen, die sich selbst durchaus als verantwortungsbereite Bürger wahrnehmen, eine Entfremdung von Politik und Medien. Sie haben das Gefühl, dass ihre Erfahrungen und Probleme von den politischen Repräsentanten entweder gar nicht gesehen oder willentlich ignoriert werden oder – schlimmer noch – dass man sie ihnen wegpädagogisieren will. Das gilt beileibe nicht nur für das Integrationsthema, das jetzt, eigentlich ein wenig verspätet, zum Kristallisationspunkt dieser Empfindungen geworden ist.

Tatsächlich ist die politisch korrekte Multikulti-Phase, in der es schwer und unerfreulich war, auf die Zustände in manchen Innenstadtschulen hinzuweisen, ja seit geraumer Zeit vorbei. Vielleicht spiegelt sich in der begeisterten Zustimmung für Sarrazins nachholenden Tabubruch eine Art rückwirkende Abrechnung mit dieser Zeit – und der Frust darüber, dass man integrationstechnisch schon lange viel weiter sein könnte.

Das Problem liegt bei den Parteien und den traditionellen Medien

Vielleicht kommt darin aber auch noch etwas anderes zum Ausdruck. Die politische Grundstimmung der achtziger Jahre lautete "Ich bin unzufrieden, aber ich kann etwas tun" und mündete letztlich im Erfolg der Grünen und der neuen sozialen Bewegungen. Natürlich machten dabei nur manche Leute mit, aber die Möglichkeit, politisch etwas zu bewegen, lag für alle spürbar in der Luft. Heute ist die Grundstimmung defätistisch: "Ich bin unzufrieden, aber ich kann sowieso nichts ändern." Ausnahmen, wie der Protest gegen die Hamburger Schulreform oder gegen das Projekt Stuttgart 21, sind anscheinend zu punktuell, um ein allgemeines Empfinden zu erzeugen, man könne etwas beitragen.

Woher kommt das Unbehagen, woher die Sehnsucht nach Verantwortlichen, die zuhören? Sicher hat die Zerstörung von Milieus und Familien damit zu tun, die Vereinzelung der Menschen im Fitnessstudio statt ihres Zusammentreffens im Sportverein: Der Einzelne fühlt sich immer weniger von einem politisch und emotional gleich gerichteten Umfeld getragen.

Die Neuen Medien haben zwar die dauernde Erreichbarkeit durchgesetzt, aber ihre Verheißungen – mehr Demokratie, mehr Gemeinschaft, mehr Beteiligung – haben sie nicht eingelöst. Insgeheim ahnt auch der Sarrazin-Fan, dass seine wilde Debattenmail nicht viel an den Verhältnissen in Neukölln ändert.

Das größere Problem aber liegt bei den Parteien und den traditionellen Medien. Wer einmal versucht hat, einen Lokalredakteur von einem wichtigen Thema zu überzeugen, weiß, welche Macht dieser Mann hat: Nur wenn er das Thema "sieht", kommt das Bibliotheksprojekt in der Öffentlichkeit überhaupt vor, werden die Irrwitzigkeiten eines städtischen Sparprogramms offenbar, lassen sich Leute bewegen, bei einer Integrationsinitiative mitzumachen. Wenn er das Thema nicht sieht: Pech gehabt.