Raiding
Als der zweite Cellist aus dem Sommerorchester des Fürsten Esterházy von der herrschaftlichen Residenz in das abgeschiedene Dörfchen Raiding versetzt wurde, war der Musiker, der einmal sogar unter dem Taktstock von Ludwig van Beethoven sein Instrument spielen durfte, fortan nur mehr für 50.000 Schafe verantwortlich. Von jenem stolzen Sonntag, an dem er die C-Dur-Messe des großen Meisters zur Aufführung brachte, erzählte er oft und gern in der ländlichen Abgeschiedenheit.

Dann wurde in der guten Stube im geduckten Haus des Schäferei-Rechnungsführers zu den Instrumenten gegriffen und an langen Abenden Hausmusik veranstaltet. Bei dieser Gelegenheit entdeckte Adam Liszt (er schrieb sich damals noch List) bald die außergewöhnliche Begabung seines Söhnchens. Schon im zarten Knabenalter soll der kleine Franz Bogen um Bogen mit Noten vollgekritzelt haben. Wie einst Leopold Mozart übernahm der Vater die Ausbildung seines talentierten Sprösslings, quittierte den fürstlichen Dienst und zog mit seinem Wunderkind in die Welt. Es war der Beginn der wahrscheinlich aufsehenerregendsten Musikerkarriere des 19. Jahrhunderts.

Heute ist Raiding ein verschlafenes Nest in der Weinbauregion Mittelburgenland. Die kleine Gemeinde rüstet sich gerade für einen bedeutenden Anlass: im kommenden Jahr wird der 200. Geburtstag ihres großen Sohnes begangen. Der Bundespräsident wird anreisen, die Liszt-Urenkelin Nike Wagner einen Festvortrag halten, die Stars des Klassikbetriebes, von Daniel Barenboim bis Elisabeth Leonskaja, werden in der eleganten, modernen Konzerthalle auftreten, die vor vier Jahren neben dem Geburtshaus von Franz Liszt errichtet wurde.

Einen längeren Aufenthalt werden allerdings weder Virtuosen noch Publikum in der Ortschaft ins Auge fassen. Wo sollten sie auch übernachten? Zwar sind in der ganzen Umgebung jede Menge Buschenschanken verstreut, ein standesgemäßes Nachtquartier fehlt allerdings weit und breit.

Dieses Manko will nun ein Raidinger aus der Welt schaffen, der erst vor Kurzem in der Dorfidylle ansässig geworden ist und begonnen hat, einen alten Hof zu renovieren. Er plant allerdings nicht einen jener modischen Wellnessklötze, wie sie gegenwärtig so gern in der Provinz eröffnet werden, zwischen die Rebstöcke zu pflanzen. Sein Raiding Project ist vielmehr der verwegene Versuch, avantgardistische und unkonventionelle Architektur in der Grenzregion mit ihrer berüchtigt vernachlässigten Baukultur heimisch werden zu lassen.

Die meiste Zeit des Jahres verbringt der Autor, Fotograf und Filmemacher in Japan und pendelt für seine Kunstprojekte zwischen den fernöstlichen Metropolen hin und her. Besondere Aufmerksamkeit widmet der viel gereiste Tausendsassa – den 55-jährigen Wiener hatten seine Wege vor 18 Jahren über Berlin und New York nach Tokio geführt – der zeitgenössischen Architektur. Seit Langem schon schreibt er über die Arbeit in den japanischen Architekturbüros, vor einem Jahr veröffentlichte er in Taiwan den Interviewband 20 Japanese Architects, für den er die verschiedenen Generationen der Architektengroßfamilie befragte, die sich vom Stammvater Kenzo Tange, dem Begründer des "Neuen Bauens" im Land der aufgehenden Sonne, herleitet.