DIE ZEIT: Herr Segev, als Basis für Ihre Biografie von Simon Wiesenthal haben Sie erstmals monatelang sein Archiv durchforstet.

Tom Segev: Ich saß dort in seinem alten Büro in der Salztorgasse jeden Tag bis spät abends, umgeben von all den Nazi-Dokumenten. Draußen war es meist sehr still. Es war ein wenig gespenstisch.

ZEIT: Und es herrschte ein wildes Durcheinander…

Segev: Nein, das sah nur so aus. Das Archiv befand sich genau in jenem Zustand, in dem Wiesenthal es verlassen hatte. Von allem Anfang an erschloss sich mir die Dramatik dieses Lebens. Das erste Dokument, das ich in die Hand nahm ist ein Foto aus dem Jahr 1945. Es zeigt ein wandelndes Skelett. Und keine zehn Aktenmeter davon entfernt stieß ich auf diesen Brief: "Simon, Darling, pass gut auf dich auf, wir brauchen dich, Liz." Liz, das ist Liz Taylor. Es ist ungeheuerlich, welche Welt zwischen diesen beiden Dokumenten liegt. Ich war überwältigt von der Fülle des Materials. Und niemand hat es je erforscht.

ZEIT: Als Wiesenthal aus dem KZ Mauthausen befreit wurde, wog er 44 Kilo. Und 50 Jahre später war er eine weltweite moralische Autorität, der Präsidenten und Monarchen ihr Ohr liehen. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung.

Segev: Er verkörperte die Erinnerung an den Holocaust. Er war aber auch eine sehr umstrittene Figur. Am Beginn meiner Recherche sagte ich mir, ich müsste mir zunächst Klarheit darüber verschaffen, ob er nicht vielleicht ein Gauner gewesen ist.

ZEIT: Das lag für Sie im Bereich des Möglichen? 

Segev: Klar, er hatte doch so viele Feinde, die ihn wirklich hassten.

ZEIT: Dann wäre er einer der größten Hochstapler der Geschichte gewesen.

Segev: Das war er aber nicht. Mir wurde schnell klar, dass er häufig und gerne geblufft hat. Ich habe mich seinen Geschichten stets skeptisch genähert und dachte oft: Gut, das ist jetzt reine Fantasie. Aber immer wieder fand ich heraus, dass er seine Geschichten nicht frei erfunden hatte. Er übertrieb mitunter, und er besaß diese Tendenz, mehrere Personen zu einer einzelnen Figur zu bündeln, um die er dann ein großes Geheimnis machte. Er erzählte zum Beispiel von einem Informanten namens Hans. Hans hat es aber nie gegeben. In diesem Phantom steckten die unterschiedlichsten Zuträger. Also blieb stets ein Rest an Zweifel bestehen. Aber so war Wiesenthal: Er verbrachte sein ganzes Leben im Grenzbereich zwischen Fantasie und Wirklichkeit. Doch letztlich stimmte im Wesentlichen alles, was er behauptet hat.

ZEIT: So unwahrscheinlich es mitunter klang.

Segev: Nehmen wir zum Beispiel die Geschichte, wie der Fehler eines israelischen Agenten es 1949 verhindert habe, dass er Adolf Eichmann in Altausee schnappte. Er erzählte so viele widersprüchliche Versionen dieser Geschichte, dass man annehmen musste, sie könne nicht stimmen. Dann kam mir das unveröffentlichte Manuskript eines seiner größten Feinde in die Hände, des ehemaligen Chefs des israelischen Geheimdienstes Mossad, Isser Harel, der ein ganzes Buch gegen Wiesenthal verfasste. Und darin schreibt Harel über diese Episode: "Welche Lüge, das war nicht einer meiner Mossad-Leute, das war jemand vom militärischen Geheimdienst." Also war da doch jemand aus Israel an der Aktion in Altausee beteiligt gewesen.

ZEIT: Auch wenn Wiesenthal zeitweise für den Mossad arbeitete, so war er doch ein Einzelkämpfer. Umso erstaunlicher die bedeutende Position, die er sich schließlich erarbeitet hat.