Auf Reisen sind sie fern: all die Zwänge der Heimat. Die Normen, wie eine Frau sich zu benehmen, zu kleiden, zu amüsieren hat. Wo keine Väter nörgeln, keine Nachbarn tratschen, lassen sich Grenzen überschreiten, neue Wege erproben.

Wagemutig waren die Damen des 19. und 20. Jahrhunderts, denen der Brite Mick Conefrey (Frauen gehören nach oben) nachspürt: Sie ritten auf Zebras, probierten geröstete Heuschrecken oder ein bisschen Opium und zogen im Männergewand durch die Sahara. Weder Sandfliegen noch Arktiskälte konnten sie schrecken. Gewichtiger, zeigt das Buch, waren andere Reisehemmnisse: die Rollenbilder daheim.

Die Amerikanerin Arlene Blum fand noch in den 1970ern kaum eine Gruppe, die sie ins Gebirge mitnahm. Mal hieß es, eine Frau sei für eine solche Tour "emotional nicht stabil genug", mal fürchtete man um "die Kameradschaft am Berg" oder fand ihr Ansinnen "nicht ladylike". Dann eben ohne Männer, dachte sich Blum, ließ Promo-Shirts mit dem Slogan "A woman’s place is on top" drucken – und warb Gelder ein für die erste Frauenexpedition auf den Annapurna.

Oder Mary Kingsley (1862 bis 1900). Ihr Vater war als Reiseschriftsteller ständig unterwegs. Seine Tochter aber, fand er, solle sich lieber Herd und Bügelbrett widmen. Erst als der Vater tot war, zog Mary durch Afrikas Savannen, bestaunt von Einheimischen, die oft noch nie eine Weiße gesehen hatten.

Annemarie Schwarzenbach in Taschkurghan, Afghanistan, Oktober 1939

Einmal unterwegs, konnten sich Frauen über manches heimische Schicklichkeitsgebot hinwegsetzen. Bei Bergtouren hüllten vornehme Damen erstmals ihre Beine in Hosen. In den Rocky Mountains setzte sich Isabella Bird wie ein Mann breitbeinig aufs Pferd – statt im unpraktischen Damensitz. Conefrey hat Hunderte Anekdoten gesammelt und vermeidet dabei seinerseits Stereotype. Frauen, wie er sie schildert, ticken nicht viel anders als Männer. Sie reisen nicht aus edleren Motiven, selten mit anderem Blick. Sie werden nur öfter aufgehalten.

Bei Katja Büllmann (Mit einer Reise fing alles an) geht es eher um die selbst gesetzten Zwänge, denen Frauen entfliehen wollen. Den To-do-Listen im Blackberry. Dem Putzen-Feudeln-Wienern-Perfektionismus. Die Autorin sprach mit Frauen von heute über ihre wichtigste Reise. Dabei verlässt sie sich nicht auf Zwischentöne. Die Reisenden, wie die Autorin sie darstellt, analysieren sich immerfort selbst. Die Fremde ist die Kulisse, vor der sie ums eigene Befinden kreisen. Derart beschäftigt, bekommen sie von ihren Reiseländern kaum mehr mit als Klischees: Die Italiener, die irgendwie herzlicher sind als die Menschen daheim. Der alte Mann, der glücklich ist in seiner Hütte ohne Klo. Auch hier ist die Fremde ein Ort, an dem die heimischen Regeln nicht mehr gelten: Auf Mallorca bändelt frau mit einem Mann an, den sie in München-Schwabing nicht standesgemäß gefunden hätte. In einem thailändischen Kaff gibt sich die Powerfrau dem müßigen Leben mit Massageöl und Currygerichten hin – sie kann ja gar nicht anders, die Zugangsstraße ist blockiert und der iPod von einem Regenguss dahingerafft. Wie sich Frauen in der Ferne selbst finden, könnte interessant zu lesen sein, würde die Autorin nicht mit aufdringlichem Psychologisieren jedes eigene Nachdenken erschweren.

Flott und feinsinnig schildert dagegen Annemarie Schwarzenbach ihre Orientreisen. Die Schweizerin, spät entdecktes Großtalent der Dreißiger, lebte in einem Milieu, in dem Bildungsreisen für gut betuchte Töchter wie sie durchaus möglich waren. In dem manch junges Mädchen, bevor die Gattensuche begann, nach New York, an den Vesuv oder den See Genezareth geschickt wurde. Schwarzenbach selbst hielt wenig davon, Baedeker-Highlights abzuhaken. Lieber stieg sie in einen alten Ford und bretterte mit einer Freundin bis nach Kabul. Sie plauderte mit Landstreichern, stöberte in Basaren, half bei Ausgrabungen, fuhr durch die Wüsten Turkmenistans und in die Höhen des Hindukuschs und notierte Eindrücke: "Haben wir, früher einmal, Sitten und Gebräuche fremder Völker studiert? Gut und recht, aber wir lernten nicht, wie der Afghane den Turban windet, und wussten nicht, wie der tägliche ›Palaw‹ schmeckt, in einem Land, wo man täglich Reis und Schaffleisch zu essen bekommt und Tee zu trinken und nie einen Tropfen Alkohol."

Auch für Schwarzenbach, meinen Forscher, waren ihre mehrmonatigen Orientreisen wohl kleine Fluchten. Sie, die Hitler verachtete, mit Erika und Klaus Mann befreundet war, vermied so den Bruch mit ihrer nazibegeisterten Familie. Und schuf dabei Texte, die mal Reportage sind, mal Essay und zeitlose Fragen behandeln: Wie kann ein Tourist das Wesen eines Landes erfassen? Suchen wir in der Fremde wirklich das Fremde – oder nur das Bild, das wir uns vorab von ihr gemacht haben? Zeitlos ist auch ihr Erstaunen, dass nur ein Zufall darüber entschied, dass sie im reichen Europa lebt und nicht "anderswo, wo das Klima höllisch ist und der Kaviar spottbillig, das Malariafieber gratis". Viele Tagesreisen fern der Heimat wird ein neuer Blick aufs Leben möglich.