Wer die Zentrale der Deutschen Bundesbank in Frankfurt am Main besucht, der steht irgendwann vor einer bunt lackierten Ausstellungstafel. Sie berichtet von den Kämpfen der Notenbank gegen die Politik. Es sind Geschichten über Siege. 1997 etwa, als man Helmut Kohl den Zugriff auf Bundesbankgold verweigerte. Unabhängig, der Stabilität des Geldes verpflichtet, den Zwängen der Parteipolitik enthoben, so sehen sie sich selbst in der Bundesbank – und so wünschen sich auch die Deutschen ihre Notenbank. Demokratie schön und gut, aber beim Geld hört der Spaß auf.

Tagelang war die Bundesbank in eine zutiefst politische Auseinandersetzung verwickelt. Erstmals in ihrer Geschichte hat sie beim Bundespräsidenten die Abberufung eines Vorstandsmitglieds beantragt . Der wegen seiner Thesen zur Migration umstrittene frühere Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin sollte gehen. Nun geht er selbst. Die Politik wollte einen unbequemen Mahner mundtot machen, sagen die Kritiker.

Tatsächlich ist die Sache komplizierter. Die Geschichte beginnt mit einer Fehlentscheidung vor eineinhalb Jahren – und entfaltet sich von da an mit der Logik eines klassischen Dramas.

Die Zeiten, in denen die Bundesbank gemeinsam mit der amerikanischen Federal Reserve und der Bank von Japan die globalen Finanzmärkte dirigierte, sind vorbei. Die Geldpolitik wird seit Einführung des Euro bei der Europäischen Zentralbank (EZB) gemacht. Die Bundesbanker haben sich neue Aufgaben gesucht. In der Frankfurter Zentrale arbeiten einige der klügsten Ökonomen im Lande. Ob Euro-Rettung oder Bankenhilfen – die Blaupausen vieler staatlicher Initiativen im Kampf gegen die Finanzkrise wurden von ihnen entwickelt. Heute sind sie in internationalen Gremien wie dem Finanzstabilitätsrat der G20 dabei, wenn es an die Ausgestaltung neuer, strenger Finanzregeln geht.

Das alles geht nur mit erstklassigem Führungspersonal. Seit Langem beklagt sich der Bundesbankpräsident Axel Weber im kleinen Kreis darüber, wie Posten im Vorstand vergeben werden. Dabei zählen Parteibuch und Regionalproporz oft mehr als fachliche oder sonstige Qualifikation.

So ähnlich war es auch im Fall Sarrazin, der gegen den Willen Webers vom Berliner Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit nach Frankfurt geschickt wurde. Wowereit wollte seinen aufmüpfigen Finanzsenator loswerden, Bundesrat und Regierung winken die Personalie am 6. Februar 2009 durch. Hätte sich die Politik anders entschieden, die Geschichte wäre zu Ende.

Sarrazin nimmt das Angebot an. Die Bundesbank mag an Bedeutung verloren haben, der Vorstandsjob ist ein Spitzenposten mit hohem Gehalt und hohem Ansehen. In den ersten neun Monaten verdiente Sarrazin 154.799,12 Euro – das sind auf ein Jahr hochgerechnet gut 200.000 Euro und damit mehr, als ein Bundesminister erhält. Und als Notenbanker braucht er sich um seinen Job in der Regel keine Sorgen zu machen, ist er doch praktisch unkündbar.

Von Anfang an läuft es für Sarrazin nicht gut

 Sarrazin hätte ein guter Bundesbanker werden können, gilt er doch als Macher und fähiger Volkswirt. Selbst als er im Vorstand bereits isoliert ist, finden seine Anmerkungen Gehör. Doch irgendwie läuft es für ihn von Anfang an nicht gut.

Kaum ernannt, meldet er Ansprüche auf den Aufgabenbereich Internationale Beziehungen an. Es ist das Königsressort: Internationaler Währungsfonds, G7, G20, Weltbank. Der Job ist abwechslungsreich, aber auch fordernd: das viele Reisen, die ständigen Sitzungen, oft am Wochenende. Schwer vorstellbar, dass Sarrazin viel Zeit für andere Dinge geblieben wäre. Mit seinem forschen Auftreten macht er sich keine Freunde in der Notenbank. Den Zuschlag erhält ein Kollege, Sarrazin bekommt die eher langweiligen Themen Bargeld und IT. Es ist eine der Eigenheiten dieser Geschichte, dass Sarrazin ein Buch über Ausländer schreiben kann, weil er nicht als Bundesbanker ins Ausland darf.

Als er sich im Herbst 2009 in einem Interview mit dem Magazin Lettre International abfällig über Migranten äußert, entzieht ihm der Vorstand auch noch die Zuständigkeit für das Bargeldressort. Weber, der um das Ansehen der Bank fürchtet , würde seinen Kollegen schon da gerne loswerden, doch im Vorstand findet er dafür keine Mehrheit. Es bleibt bei einer Ermahnung, Sarrazin verspricht, "in Zukunft bei öffentlichen Äußerungen mehr Vorsicht und Zurückhaltung walten lassen".

In der Bundesbank arbeiten knapp 10.000 Menschen, vom Pförtner bis zum Präsidenten. Sie ist ein Spiegel der Gesellschaft, und wie in der Gesellschaft insgesamt erfährt Sarrazin auch in der Bundesbank viel Zustimmung. Das Verhältnis zu den übrigen Vorständen aber kühlt ab. Es gibt bei ihren wöchentlichen Sitzungen, immer dienstags um halb zehn, ein Ritual: Wer den Raum betritt, läuft einmal um den Tisch und schüttelt jedem der anwesenden Vorstände die Hand. Sarrazin setzt sich gleich auf seinen Platz, neben den inzwischen ausgeschiedenen Hans-Georg Fabritius, der mit seinen Unterlagen kaum hörbar ein Stück von ihm wegrückt. Auch viele Frankfurter Banker gehen auf Distanz. Das Bankengeschäft ist international, der Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit potenziell geschäftsschädigend. Eine kleine Szene aus dem Herbst vergangenen Jahres bezeugt die Entfremdung. Sarrazin sitzt am Tisch mit dem Deutschlandchef einer französischen Großbank, einem führenden Mann der Volksbankengruppe und anderen. Er versucht, seine Äußerungen in Lettre International zu erklären. Das möge alles so sein, erwidert einer der Banker, aber es sei nun mal nicht seine Aufgabe als Bundesbankvorstand, mit solchen Themen in die Öffentlichkeit zu gehen.

Sarrazin hat jetzt viel Zeit, hält sich aber mit Interviews zurück. Im kleinen Kreis gibt er zu erkennen, dass er sich schlecht behandelt und missverstanden fühlt, verweist auf den Rückhalt in der Bevölkerung, all die Briefe, die ihn bestätigen. Weber und sein manchmal professorales Auftreten sind ihm, dem erklärten Praktiker, fremd.

So stürzt er sich in die Arbeit an seinem Buch. Es ist der große Gegenschlag, der seine Thesen endgültig belegen soll. Auch die Ressourcen seines Arbeitgebers nutzt er dabei. Sarrazin lässt über die Bundesbank beim Berliner Büro der Industrieländerorganisation OECD Statistiken bestellen, sein Assistent besorgt umfangreiches Material aus der bankeigenen Bibliothek. "Die haben ja quasi den halben Bestand ausgeliehen", sagt ein Bundesbanker.

Vor etwa vier Monaten spricht sich in der Notenbank herum, dass Sarrazin ein Buch schreibt, im August informiert er den Vorstand. Die Bank reagiert zunächst nicht. Es handle sich um eine "private Angelegenheit von Herrn Dr. Sarrazin". Für Nachfragen verweist man an seine private Mailadresse.

Die Sarrazin-Geschicht kennt nur Verlierer

Am letzten Wochenende im August, nach neuen Interviewäußerungen, erreicht die Empörung eine neue Dimension. Diesmal stimmt die Kanzlerin ein und fordert die Bundesbank indirekt zum Handeln auf. Axel Weber ist gerade auf einer Notenbankkonferenz in den Rocky Mountains. Kurz vor Abflug aus Denver wird er informiert. Weber, der im kommenden Jahr an die Spitze der EZB wechseln will, beruft für Montag, den 30. August, gleich nach der Landung gegen Mittag eine Sitzung des Vorstands ein – ohne Sarrazin.

Der Vorgang, so heißt es, lässt sich nicht länger als Privatsache behandeln. Der Präsident ist in einer ausweglosen Situation. Handelt er nicht, wird man ihm vorwerfen, er riskiere den Ruf der Bank und habe seinen Vorstand nicht im Griff. Handelt er, wird man sagen, er setze die Unabhängigkeit der Währungsbehörde aufs Spiel. Er entscheidet sich für Variante zwei, wie damals im Herbst – nur sind diesmal auch die übrigen Vorstände seiner Meinung.

Hat sich die Bundesbank damit dem politischen Druck gebeugt? Dafür spricht die zeitliche Abfolge der Ereignisse. Dagegen spricht die Beteuerung mehrerer Vorstände, man habe aus eigenem Antrieb gehandelt. Tatsächlich ist sich die Runde schon am Montag – also noch bevor sich Bundespräsident Christian Wulff indirekt für eine Abberufung ausspricht – einig, dass Sarrazin den Bogen überspannt hat. Die Frage ist jetzt nur noch, wie man ihn loswird.

Es gibt zwei Methoden der Auseinandersetzung mit Thilo Sarrazin: die inhaltliche und die formale. Die erste fragt, ob er recht hat, die zweite, ob Äußerungen über Migranten und genetische Dispositionen dem Vorstand einer Zentralbank zustehen. In der Öffentlichkeit geht es vor allem um die erste Frage, in der Bundesbank um die zweite. Zentralbanker genießen eine Unabhängigkeit, die mit demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipien eigentlich nicht vereinbar ist. Man räumt sie ihnen ein, weil die Stabilität des Geldes ein hoher Wert ist. Dafür haben sie sich in allgemeinen politischen Fragen zurückzuhalten. In den USA gelten bereits Kommentare zur Steuerpolitik als Mandatsüberschreitung.

Schon am Montag warnen die Juristen der Notenbank, dass eine Abberufung erhebliche rechtlichen Risiken mit sich bringt. Aus Sicht der Bundesbank wäre ein freiwilliger Rückzug die beste Lösung. Man ist bereit, über Zugeständnisse bei der Pensionsregelung zu reden. Am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag wird weiterverhandelt.

Sarrazin, der an den Sitzungen nur noch in Begleitung seines Anwalts teilnimmt, will einige Tage Bedenkzeit. Die Bundesbank macht klar: Bis Donnerstag muss eine Entscheidung fallen.

Am Donnerstag hat Sarrazin das Angebot nicht angenommen. Inzwischen hat auch die EZB signalisiert, dass sie einen Rausschmiss nicht als einen Verstoß gegen das Gebot der Unabhängigkeit interpretieren würde. Er muss den Sitzungsraum verlassen, der Restvorstand beschließt die Abberufung einstimmig. Am Freitag geht ein Schreiben der Bundesbank an das Kanzleramt, das Finanzministerium und das Bundespräsidialamt. Ihm liegt eine lange Liste mit Äußerungen Sarrazins bei. Sie sollen belegen, dass er nicht die vertraglich geforderte "Mäßigung und Zurückhaltung" gewahrt hat.

Wulff muss nun nicht mehr entscheiden. Doch wegen seiner voreiligen Äußerungen steht auch er in der Kritik. Sarrazin benötigt in der Öffentlichkeit Polizeischutz, und Webers ausländische Konkurrenten im Kampf um die Spitze der EZB freuen sich über seine schlechte Presse in Deutschland.

Diese Geschichte kennt nur Verlierer.