Wer rettet unsere Kommunen vor dem Finanzkollaps? Wer baut Netze für die Energie der Zukunft? Wer hilft, wenn das nächste Hochwasser droht? In unserer zwölfteiligen Serie besuchen wir Frauen und Männer, die schon heute in Berufen arbeiten, die morgen noch wichtiger sein werden.
Teil 2: Rechnungsprüfer

Als Beate Behnke-Hahne Mitte der neunziger Jahre ihren Job wechselte, müssen ihre Freunde sie wohl für ganz schön bescheuert gehalten haben. Behnke-Hahne hatte eine tolle Stelle in der Möbelindustrie, reiste um die Welt, traf interessante Menschen, verdiente gutes Geld. Und das alles tauschte sie ein gegen einen Schreibtisch in der Stadtverwaltung Herford, gegen Aktenordner und Behördenstempel.

Heute, 16 Jahre später, wirkt Behnke-Hahne dennoch alles andere als betrübt. Direkter Blick, zackiger Schritt, fester Händedruck. Eine, bei der man denkt, dass ihr so schnell keiner was vormachen kann. Und sie sagt Erstaunliches: Das Rechnungswesen und die Buchführung einer Kommune seien mindestens so interessant und anspruchsvoll wie die in einem Unternehmen. Behnke-Hahne ist mittlerweile vom kleinen Herford zur Stadt Essen gewechselt und leitet dort das Stadtsteueramt und das Rechnungswesen. Ihr Fachbereich erstellt unter anderem den Jahresabschluss für den Konzern Stadt. Dazu gehören beispielsweise die Stadtwerke, die Verkehrsbetriebe und die Messe. Ihre Leute haben es mit unbezahlten Strafzetteln und hohen Summen für den Umbau von Schulen zu tun. Nein, um die Welt reist sie jetzt nicht mehr. Aber Beate Behnke-Hahne ist Chefin von 250 Mitarbeitern, sie sitzt in einem großen Eckbüro in der 20. Etage des Rathauses mit einem fantastischen Ausblick. Und sie hat einen riesigen Schreibtisch. Ohne Stempel.

Jahrelang war die Frau aus der Wirtschaft in ihrer Behörde eine Exotin: Im Gegensatz zu fast allen anderen hier hat sie BWL studiert. Der höhere Dienst in der öffentlichen Verwaltung ist traditionell den Juristen vorbehalten. Doch genau das ändert sich gerade. Denn landauf, landab findet in den Kommunen und auch in einigen Landesverwaltungen ein großer Umbruch statt: Die Haushälter bilanzieren neuerdings, wie Unternehmen es tun, arbeiten mit einem modernen, kaufmännischen Rechnungswesen. Und dafür brauchen die Verwaltungen betriebswirtschaftliches Know-how.

"Es gibt jetzt ganz neue Fragen", sagt Beate Behnke-Hahne. "Um die zu beantworten, brauchen wir qualifiziertes Personal." Bereits 15 ihrer Mitarbeiter haben einen betriebswirtschaftlichen Hintergrund. Einige spezialisierten sich während ihrer Verwaltungsausbildung an der Fachhochschule auf BWL, andere sind Diplomkaufleute mit Universitätsabschluss. Auch im SAP-Kompetenzzentrum werden Leute mit kaufmännischen Kenntnissen eingesetzt. Denn der Kostendruck steigt. Durch die Einführung der Schuldenbremse braucht man vermehrt Kosten-Leistungs-Rechnungen, die Wirtschaftlichkeit von Entscheidungen muss geprüft werden – dafür braucht es Experten. Gern, sagt Behnke-Hahne, würde sie noch ein paar Betriebswirte einstellen, wenn die Haushaltslage endlich wieder besser wird oder wenn altgediente Verwaltungsfachleute in Rente gehen. Aber es bewirbt sich kaum jemand.

An den Universitäten und Fachhochschulen habe es sich vielleicht noch nicht herumgesprochen, dass es in vielen Verwaltungen eine Umstellung des Rechnungswesens gegeben habe, bestätigt Reinert Maerker. "Viele Absolventen der Wirtschaftswissenschaften wissen möglicherweise noch nicht genügend über diesen Bedarf." Maerker hat die Reform des Haushalts- und Rechnungswesens in Nordrhein-Westfalen geleitet. Das Bundesland hat neben Hessen, Hamburg und Bremen die Buchhaltung nicht nur in sämtlichen Kommunen, sondern auch auf Landesebene modernisiert. Die Umstellung ist Teil einer größeren Reform, durch die ein Wettbewerbsdenken Einzug hält: Die einzelnen Verwaltungen müssen sich aneinander messen lassen – Benchmarking, wie in der Privatwirtschaft. Es fällt jetzt auf, wenn etwa die Passstelle einer Stadt ineffizienter arbeitet als in vergleichbar großen Kommunen, wenn für die Passvergabe dort mehr Geld veranschlagt wird und die Bürger länger warten müssen. Ein betriebswirtschaftlicher Ansatz, durch den sich die Anforderungsprofile an die Mitarbeiter ändern.

Die Verwaltungen versuchen die neuen Aufgaben zum größten Teil durch Schulungen ihres vorhandenen Personals zu erfüllen. Bei Neueinstellungen werden aber BWL-Kenntnisse eine zunehmende Rolle spielen, egal, ob beim Controlling im Sozialamt oder ganz klassisch in der Finanzverwaltung. Die größeren Kommunen und die Landesverwaltungen, erwartet Maerker, werden ihren Nachwuchs vor allem aus ihren eigenen Verwaltungsschulen rekrutieren, die kleineren Kommunen könnten auf BWL-Absolventen der Fachhochschulen zurückgreifen. Auf der Führungsebene der Verwaltungen, wo heute fast ausschließlich Juristen zu finden sind, werden Diplomkaufleute von den Universitäten Platz finden. "Langfristig könnten dort bis zu zehn Prozent der Positionen von Wirtschaftswissenschaftlern ausgefüllt werden", sagt er.