Da saß der Mann, der einmal ein Berg gewesen war, dessen schiere Masse ausgereicht hatte, seine Gegner einzuschüchtern und seine Anhänger zu beruhigen, der Mann, der die Republik länger regiert hat als jeder Vorgänger und Nachfolger, da saß also Helmut Kohl hilflos im Rollstuhl, halb wütend der Blick aus den Augenwinkeln, halb waidwund, und musste es stumm über sich ergehen lassen, dass der Pulk der Journalisten ihm auf die Pelle rückte und die Fotografen ihn abblitzten, ein Monument der Ohnmacht. Vor ihm stand Roland Koch, von dem er früher einmal gesagt hatte, der könne sein Nachfolger werden, und verabschiedete sich aus der Politik. Neben ihm saß Angela Merkel, die Frau, die als sein "Mädchen" in die große Politik gekommen war, die mancher in der Partei anfangs als eine Art Betriebsunfall gesehen hatte, eine vorübergehende Anomalie, eine Platzhalterin für einen wie Koch. Die Frau, die seit einem Jahrzehnt die Macht in der CDU fest in den Händen hält, von der aber die meisten immer noch nicht recht sagen können, wofür genau sie steht – und die damit die CDU insgesamt eigentlich gar nicht so schlecht verkörpert.

Es war eine Szene von hoher Symbolkraft, die sich bei Roland Kochs Abschied im Biebricher Schlossgarten bot. Ein einprägsames Bild für den Zustand der Partei, die sich entschlossen auf den Weg der Modernisierung gemacht hat, aber in wiederkehrenden Schüben von der Frage geplagt wird, ob denn Modernisierung alles sein könne. Ob dabei nicht etwas auf der Strecke bleibe. Nur was genau das sein könnte, schon das ist schwer zu bestimmen in diesen Tagen. Was ist diese CDU? Wer steht für sie? Und was fehlt ihr – wenn ihr denn etwas fehlt?

Kurz vor Kohls Ankunft hatte im Rundsaal des Biebricher Schlosses der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber in seiner unnachahmlichen Art den Phantomschmerz zu Protokoll gegeben, der nicht erst seit Kochs Abschied viele Christdemokraten befallen hat: "Es gibt wenige, die bereit sind, auch für ihre Überzeugungen zu stehen. Wir erleben doch eine mehr zeitgeistige Politik. Die Zukunft wird nicht so hoch bewertet, wie sie bewertet werden müsste. Für uns, also, die wir der Union anhängen, ist da schon ein Stück Traurigkeit."

Wann eigentlich hat diese Traurigkeit begonnen? 1998, als die Ära Kohl zu Ende ging und die Union aus der Macht fiel? Oder 2005, als Angela Merkel am Ende so schlecht abschnitt, dass sie die Sozialdemokraten brauchte, um Kanzlerin zu werden? Oder doch 2009, als das Ergebnis bei der Bundestagswahl zeigte, dass sich der Niedergang der Union von Wahl zu Wahl fortsetzte? Nur der Absturz der Volkspartei SPD auf zuvor kaum vorstellbare 23 Prozent verschaffte der Union noch einmal die Chance, von ihrer eigenen prekären Lage abzulenken.

Nun wird das Verdrängen immer schwerer. Vom Ende der Großen Koalition hatten sich die meisten Unionsanhänger eine Wiederbelebung erhofft und von einer Wiederauflage der klassischen bürgerlichen Koalition einen Politikwechsel versprochen. Dass daraus erst einmal nichts wurde, wie inzwischen auf allen Ebenen der Partei eingestanden wird, gilt als Hauptursache der Krise. Nach einem Jahrzehnt Merkel-Führung stecke die CDU in einer Orientierungs- wenn nicht sogar in einer Identitätskrise: Wer sind wir und wenn ja, wie viele? Die Partei sei zwar anschlussfähig nach allen Seiten. Aber zugleich habe sie ihr Profil verloren. Immer kürzer werden die Abstände, in denen aus der Partei der Ruf nach "CDU pur" ertönt.

Atomkraft ist konservativ, Windenergie alternativ, wer ein Patriot ist, ist für die Bundeswehr – die alten Muster funktionieren nicht mehr. Da rückt mit Norbert Röttgen ein CDU-Umweltminister aus dem Umfeld der Kanzlerin die Union programmatisch weit ins ehemals grüne Spektrum, torpediert die Atomkraft nach Kräften und räumt Wirtschaftsinteressen nicht mehr automatisch den Vorrang vor Umweltinteressen ein. Und ausgerechnet Parteiliebling Karl-Theodor zu Guttenberg, Enkel eines der Verschwörer des 20. Juli, hat die Wehrpflicht quasi über Nacht zur Abschaffung freigegeben. Das ist für viele traditionell gestimmte Unionsanhänger eine Zumutung.

Die Entfremdung zwischen Parteispitze und einem Teil ihrer Anhänger zeigt sich am krassesten in der Debatte um Thilo Sarrazin. Die Kanzlerin dachte gar nicht daran, auf der Stimmungswelle zu reiten, die die provokativen Islamthesen des Bundesbankers erzeugt hatten. Sie gehörte zu den Ersten, die Sarrazin in die Parade fuhren: "Ich kann die Äußerungen nicht akzeptieren." Mit der schnellen Rüge wollte Merkel ihre neue Entschlossenheit demonstrieren, die sie sich offenbar vorgenommen hat, seit ihr zurückhaltender Führungsstil immer häufiger als eine Quelle der innerparteilichen Desorientierung angesehen wird. Doch entscheidender ist: Die Kritik der Kanzlerin fügte sich nahtlos ein in die vielleicht gravierendste politische Neubestimmung der CDU der letzten Jahre. Seit die Regierung Merkel Islam- und Integrationsgipfel veranstaltet und an der Unionsspitze so aufgeklärt und ressentimentfrei über Ausländer geredet wird wie sonst nur bei den Grünen, sind skeptische Stimmen zu Ausländern politisch heimatlos geworden. Als Roland Koch seine Kampagne gegen den Doppelpass fuhr, hatte er die Unterstützung des damaligen Parteichefs Wolfgang Schäuble. Zehn Jahre später saß Schäuble der Islamkonferenz vor und Koch manövrierte sich mit seiner Kampagne zu kriminellen jugendlichen Ausländern ins Abseits. Früher reichte die Partei – markig unterstützt vor allem aus Bayern – bis weit ins rechte Spektrum. Heute ist sie so vernünftig geworden, dass sie an den Rändern zur politischen Unvernunft keinen Einfluss mehr ausübt.