Der Aargauer Schriftsteller Charles Tschopp hat vor 50 Jahren in seiner Landeskunde eine schöne Metapher geprägt: Argovia mediatrix, Kanton der Mitte. Geografisch kann er es nicht gemeint haben, denn der Aargau liegt am Nordrand der Schweiz, die längste Grenze teilt er mit Baden-Württemberg. Also meinte er es symbolisch: Aargau, der Mediator.

Tschopp hätte seine helle Freude an der jüngsten Entwicklung. Denn der Aargau nimmt die Metapher neuerdings wörtlich: Eingeklemmt zwischen den Vorzeigekantonen Zürich, Basel, Bern und Luzern, tut er sich mit allen zusammen, ergreift Gesprächs- oder Handlungsinitiativen, bestimmt Spielregeln und Prioritätenlisten. Fürst Metternich erfand dafür das System der "multilateralen Diplomatie". Der Aargauer Landammann Peter C. Beyeler nennt es "variable Geometrie der Beziehungen".

Der Aargau gehört nach Wirtschaftskraft und Bevölkerungszahl schon lange zu den größten eidgenössischen Ständen. Doch bis vor Kurzem wurde er dieser Ranglistenstellung nicht gerecht.

Bereits Zeitgenossen von Tschopp pervertierten sein Kompliment: Aargau, der Mittelmäßige. Der Aargau passt nirgendwo dazu. Er ist kein Land- und kein Stadtkanton, kein Bergkanton und kein Zentrumskanton, kein Urkanton, kein Ferienkanton, er gehört nicht zur West-, nicht zur Ost- und nicht zur Zentralschweiz. Er liegt zwischen alldem, was in der Schweiz Rang und Namen hat. Dröges Mittel- und Hinterland, Durchfahrtskanton, Agglo-Kanton, Atomkanton.

Der Aargau ist ein braver Kanton. Er trägt Lasten, die andere schnöde von sich weisen. Hier kreuzen sich die meistbefahrenen Autobahnen des Landes. 26 Wasser- und drei Atomkraftwerke produzieren ein Drittel allen inländischen Stroms. Die Müllverbrennungsanlagen sind so groß, dass sie auch den Dreck anderer vernichten können. Hier wurde eine Sondermülldeponie akzeptiert, die jetzt, weil sie undicht ist, für viel Geld rückgebaut werden muss. Hier steht das einzige Zwischenlager für radioaktiven Müll, oberirdisch. Um das Tiefenlager wird noch heftig gestritten. Aber am Ende wirds der Aargau schon nehmen.

Der Aargau, ein Musterknabe, der sich alles gefallen lässt und sich partout nicht zum Leader eignen will? Zur Stützung dieser These wird zumeist die Geschichte bemüht: Aargau, das Untertanenland. Bis zum Zusammenbruch der alten Eidgenossenschaft, 1798 erzwungen durch napoleonische Heere, gab es diesen Kanton nicht. Der Westteil war seit 1415 den gnädigen Herren von Bern untertan, die Grafschaft Baden und die Freien Ämter waren "gemeine Herrschaften" (gemeinsam verwaltet von den eidgenössischen Ständen). Das zwischen Jura und Rhein gelegene Fricktal war westlicher Vorposten der Donaumonarchie, hier verehrte man Maria Theresia.

Der Aargau ist auf napoleonischem Reißbrett geboren. Der Kaiser bemühte sich 1803 an der helvetischen Consulta in Paris persönlich um uns, wenigstens eine halbe Stunde, und schuf aus uns einen gleichberechtigten eidgenössischen Stand. Der Historiker Andreas Steigmeier betont allerdings: "Wirklich gewünscht wurde der Aargau nur von einer kleinen Minderheit. Die Bürger hatten nichts dazu zu sagen, ob sie diesen Kanton wollten oder nicht." Die Schweiz sieht sich gern als Willensnation. Der Aargau war, zumindest bei der Gründung, kein Willenskanton. 

Zwar schritt seine Elite in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mutig voran bei der Verbreitung des liberalen Geistes, der 1848 aus dem Staatenbund einen Bundesstaat entstehen ließ. Doch danach war vorerst Schluss mit Pioniergeist. Man war beschäftigt mit dem Geburtsmakel des Konstruiertseins und entwickelte einen liebevoll gepflegten Minderwertigkeitskomplex. Aargauer, Aargauerin ist eine rare Spezies. Man versteht sich als Aarauer, Badener, Fricktaler, Freiämter, aber nicht als Aargauer. Man lebt in Dörfern oder Kleinstädten, doch keine erreicht 20000 Einwohner. Woher also soll urbanes Gewicht kommen?