Doch auch sie sagte leider nicht, wo. Es gibt Fotos. Eins zeigt den Kremlchef an seinem Platz in der Vollversammlung, vor sich einen Halbschuh. Auf einem anderen sieht man ihn am Rednerpult toben, in der Hand den – ja was? Ein merkwürdig verwischtes Objekt. Ein drittes zeigt den selben Augenblick, nur ohne Schuh.

Was davon trifft zu? Was ist erfunden, was manipuliert oder falsch erinnert?

Eins ist gewiss: Chruschtschow war sehr fußbewusst, und er hatte ein Gefühl für Schuhe. Er musste es haben, sonst hätte er nicht überlebt. Wenn Stalin seine engsten Mitarbeiter nachts in seine Datscha vor den Toren Moskaus einbestellte, dann wussten alle, dass es beinhart werden würde. Es wurde maßlos gegessen und getrunken – gescherzt aber wurde nur von einem: Stalin. Und immer auf Kosten anderer. Er liebte es, alle lächerlich zu machen, und manchmal ließ er Nikita, seinen ukrainischen Parteichef, vor versammelter Runde tanzen. Chruschtschow hasste es, aber er hatte keine Wahl: Er musste den Bauerntölpel geben und Volkstänze tanzen. Wodkaschwer und umnebelt, schafft man das nur gut eingeübt, mit einer exzellenten Fußtechnik.

Und noch einmal spielten Schuhe eine wichtige Rolle in seinem Leben. Nach dem Tod Stalins im März 1953 war die Nachfolge monatelang ungeklärt. Lawrentij Berija, der allmächtige Chef des Geheimdienstes, hatte mit seinen persönlichen Dossiers zwar alle in der Hand, doch niemand wollte diesen monströsen Massenmörder als ersten Mann der Partei sehen. Die Lage verlangte nach einer besonderen Lösung: Chruschtschow lud den Geheimdienstchef zu einem Treffen ein, bei dem Berijas Leibwächter draußen warten mussten. Als Chruschtschow ihn seiner zahllosen Missetaten beschuldigte, erkannte er sofort, dass es ihm an den Kragen gehen sollte.

Von der historisch umstrittenen Szene, die sich nun abspielte, gibt es verschiedene Varianten, doch soll hier nur die Schuh-Version erörtert werden. Demnach griff Berija nach seiner Tasche, die am Stuhlbein lehnte, um eine Waffe zu ziehen. Chruschtschow hatte das kommen sehen. Flink kickte er die Tasche unter den Tisch und drückte einen Signalknopf, woraufhin ein athletischer Offizier den Raum betrat und Berija einen Totschläger über den kahlen Kopf zog. Der bewusstlose Geheimdienstchef wurde in einen Teppich gerollt und an den ahnungslosen Leibwächtern vorbei weggetragen, später dann erschossen.

Stellen wir uns also noch einmal die Situation 1960 in New York vor: Chruschtschow ist seit Tagen auf Krawall gebürstet. Bei der provozierenden Rede des philippinischen Diplomaten streift er einen Schuh ab, winkt damit drohend, legt ihn vor sich auf den Tisch, für alle Fälle, und grinst in sich hinein: Rowdy und Clown in einem. Auch in seiner Umgebung lächeln einige amüsiert, selbst Außenminister Andrej Gromyko gelingt ein schiefes Grinsen, obwohl ihm die Szene peinlich ist. Wie das Foto zeigt, spielt sich die Szene am Platz der Moskauer Delegation im Plenum ab.

Das andere Bild jedoch, die Aufnahme am Rednerpult, mit dem sonderbar transparenten Objekt in Chruschtschows Hand, ist – verglichen mit dem dritten Bild – offensichtlich eine Fälschung. Man hat, wie leicht zu erkennen, in die erhobene Faust einfach einen Schuh hineinmontiert. Oder besser: einen Pantoffel, denn mit dem robusten Schuh, den das authentische erste Foto zeigt, hat dieses Modell nicht viel zu tun.

Und so gibt es, außer den verwirrenden Zeugenaussagen, in der Tat keinen Beleg dafür, dass der Moskauer Polterer tatsächlich mit seinem Schuh auf etwas eingedroschen hat, sei’s der Tisch vor ihm oder das Rednerpult. Auch William Taubman schwankt in seinem Urteil: Obwohl er in seiner Biografie der Ansicht zuneigt, Chruschtschow habe mit seinem Schuh zugeschlagen, schrieb er 2003 in der New York Times: "It may never have happened" – " möglicherweise ist es nie passiert".

Wohl wahr. Aber eine schöne Geschichte bleibt es doch.