Was auch immer über die Arche Noah behauptet wird, sie war kein schöner Ort. Während draußen die Fluten stiegen und gegen die Planken schlugen, drängten sich im Inneren Mensch und Tier ängstlich aneinander. Die Arche Noah rettete die Menschen vor dem Wasser, doch nicht vor sich selbst. Auf engstem Raum zusammengepfercht, ihrer Sicherheiten beraubt, vom Tode bedroht, standen sie vor der Wahl, ob sie versuchen sollten, die Gefahr gemeinsam zu überstehen oder jeder für sich allein. Pakistan steht heute vor derselben Entscheidung, das Land ist von einer Flut biblischen Ausmaßes verwüstet worden.

Am 26. Juli, nach tagelangen heftigen Regenfällen, kam es zu den ersten Überschwemmungen im Swat-Tal im bergigen Nordwesten Pakistans. Am 2. September ergossen sich die Wassermassen in die Stadt Johi am Arabischen Meer. Fünf Wochen rollte die Flutwelle durch Pakistan, legte rund 2000 Kilometer zurück, überschwemmte Felder, Dörfer und Städte. Von einem "Tsunami in Zeitlupe" sprach UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, laut Regierung verloren 20 Millionen Menschen ihr Zuhause. Ein Fünftel des Landes stand zeitweise unter Wasser. Jetzt liegt Pakistan nackt da. Was ist das für ein Land, das da langsam aus den Fluten auftaucht? Ist es geläutert durch die Katastrophe? Oder wird es noch immer gepeinigt von gierigen Feudalherren, eitlen Generälen, religiösen Fanatikern und korrupten Politikern, immerzu taumelnd am Abgrund der Armut und des Krieges?

Die Reise beginnt ganz im Norden, in Mingora, der größten Stadt des Swat-Tals. Der Fluss Swat zieht und zerrt immer noch an Straßen und Häusern am Ufer. Die Bauherren fühlten sich sicher, denn nicht einmal die Älteren konnten sich erinnern, dass der Swat einmal über die Ufer getreten war. Hier in Mingora ist das Flussbett mehrere Hundert Meter breit, bedeckt mit Steinen, die seit Jahrzehnten in der Sonne bleichen. Wer konnte sich schon vorstellen, dass das Wasser eines Tages alles bedecken und die mächtige Ayoub-Brücke zum Einsturz bringen könnte? Bei ihrer Einweihung wurde sie als großer Fortschritt gefeiert, denn sie erleichterte den Zugang zum Tal, das tief in den Himalaya hineinreicht. Sie förderte den Warenverkehr, und sie brachte Touristen in das Hochtal.

Die Ayoub-Brücke ist aber auch das, was die Militärs einen strategischen Punkt nennen: In jedem Krieg wird er schnell unter Kontrolle gebracht. Als die Taliban im Frühjahr 2008 im Swat-Tal die Herrschaft Gottes ausriefen und den Terror brachten, besetzten sie sofort die Häuser auf beiden Seiten der Brücke, um jede Regung beobachten zu können. Und als die Regierung in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad endlich begriff, dass die Taliban sich nicht mit ein bisschen Macht in den Bergen zufriedengeben würden, bombardierte die Armee als Erstes diese Häuser. Nach wenigen Tagen war die Furt wieder in der Hand der Regierung, doch die Taliban verschwanden nicht. Bis heute sind sie ganz in der Nähe, drüben auf der anderen Seite des Flusses. Dort, wo die Grenze zu Afghanistan nicht weit entfernt ist, kommen sie nachts aus ihren Verstecken, sofern sie sich überhaupt verstecken müssen. "Wer Talib ist und wer nicht, das ist auch für uns manchmal schwer zu erkennen. Aber wir werden besser!" Das sagt ein Unteroffizier der pakistanischen Armee, der am Ufer des Flusses steht. Er spricht mit leicht geblähtem Stolz in der Stimme. Das Militär hat ein dichtes Netz aus Kontrollpunkten und Wachposten über das Tal gelegt. Die Taliban sollen sich darin verfangen – oder sich fernhalten. Der Offizier ist überzeugt: Die Taliban sind Fremde, Eindringlinge aus Afghanistan. Das Swat-Tal habe keinen Hang zum Extremismus.

Man mag dem Mann diese Geschichte vom zähen Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner nicht recht glauben, denn er trägt weder eine Waffe noch einen Helm, genauso wenig wie seine Kameraden, die entspannt in der Sonne sitzen. Sie überwachen den Fährverkehr, den es gibt, seit das Wasser die Brücke fortgerissen hat. Kaum hatte sich der Fluss ein wenig beruhigt, fuhr in Mingora eine seltsame Mischung aus Schlauchboot und Floß, das findige Leute zusammengebastelt hatten. Einer fing damit an, dann wurden es schnell mehr Menschen, die ihre Dienste anboten.

Als der Bauarbeiter Amir Khan von den Fährdiensten hörte, eilte er an den Fluss, studierte die Bauweise der Boote, bestellte drei Lastwagenschläuche aus der zwei Autostunden entfernten Stadt Mardan, blies die Schläuche auf, verschnürte sie, setzte ein Gitter aus Bambus darauf und bastelte Riemen für die Ruder. Schließlich suchte er sich einen Mann, der das Ganze steuern konnte. Aus dem Bauarbeiter Amir war ein Fährmann geworden, der viel Geld verdiente. Zu Beginn hatten die Bootsmänner die Preise abgesprochen und hochgetrieben, an den Ufern von Mingora hob das Geschrei und Gezänk der Kunden an. Dann geschah, was in Pakistan immer geschieht, wenn sich die Zivilisten nicht einigen können: Die Armee schritt ein. Sie setzte den Preis für die Überfahrt eines Passagiers auf 30 Rupien fest, die Waren blieben Verhandlungssache. Und Amir Khan muss jetzt mindestens 300 Mal den Fluss queren, um seine Investition von 9000 Rupien wettzumachen.

Doch er beklagt sich nicht, genauso wenig wie die anderen Männer mit den Booten. Die Fährmänner sind voll des Lobes für "unsere Soldaten, die für Ordnung sorgen". Selbst die schlimmsten Katastrophen meistern die Pakistaner mit Improvisationsgabe, doch für ein geordnetes Leben – das ist ihnen in 34 Jahren Militärregime in der 63-jährigen Geschichte ihres Landes erfolgreich eingebläut worden – brauchen sie Generäle und deren Kommandos. Die Armee behauptet seit je, dass Pakistan ohne sie gar nicht existieren könnte. Und die meisten Menschen hier glauben das auch.

Die Bootsmänner warten also diszipliniert, bis der Offizier mit einem Pfiff aus seiner Trillerpfeife das nächste Boot zum Laden herbeibefiehlt. Mehl- und Reissäcke werden gestapelt, Ölkanister, Fahrräder, Motorräder, Obst- und Gemüsekisten. Schließlich zwängen sich die Passagiere zwischen die hoch aufgetürmte Fracht, und der Bootsmann steuert sein Gefährt schwankend, tanzend und taumelnd über den Fluss, immer knapp am Untergang vorbei.

Es wirkt, als ertrage das Wasser des Swat das menschliche Treiben mit selbstbewusster Gleichgültigkeit. Der Fluss muss nichts mehr beweisen, jeder kennt jetzt seine Kraft. Auch in den Städten Charsadda und Nowshera haben die Pakistaner seine Gewalt zu spüren bekommen, dort, wo es keine Berge mehr gibt und das Wasser alles mit sich forttrug, was nicht in der Erde verankert war. Das Dorf Londal ist weggeschwemmt worden, nur die Moschee steht noch, aus festem Stein. Vor der Flut lebten hier ein paar Hundert Familien, jetzt sind nur ein paar Dutzend Menschen zu sehen, die unter Zelten kauern oder in Trümmern wühlen. Sie graben nach den eisernen Truhen, in denen sie ihren Schmuck, ihr Gold und ihr Geld aufbewahrten. Sie werden nur selten fündig, weil die Flut die Kisten mit sich gerissen hat. So wie die beiden Mädchen, die einfach verschwunden waren. Vielleicht liegen ihre Leichen irgendwo da draußen, in einem der zahllosen Felder, die mit grauem Schlamm bedeckt sind. Wer weiß das schon? Und wer wollte nach ihnen suchen?