Die Verweigerungsstrategien der deutschen Banken und Energiekonzerne gegenüber der Regierung und dem Gemeinwohl hierzulande lassen viele schwarzsehen. Für die Politik und für die Zukunft. Wir wollen deshalb auf ein Nordlicht schauen, um uns ein wenig Orientierungshilfe zu verschaffen. Seine Position: Oslo, Altstadt, Bankenplassen 2. Ein Bürogebäude ohne Glastürme. Kein Gold, kein Glitzern, kein Zeichen für modernes Banking. Und doch residiert in diesem Haus der Zentralbank ein wundersamer Gigant, Europas größter Aktieninvestor. Er wächst und wächst und gebietet heute schon über die ungeheure Summe von 353 Milliarden Euro.

Der Riese heißt seit 2006 Norwegischer Pensionsfonds Global, obwohl er mit Pensionszahlungen nichts zu tun hat. Er ist größer und doch weniger gierig als die anderen Finanzriesen. Fast wie in Wilhelm Hauffs Märchen Das kalte Herz ächtet er unsoziales Unternehmertum. Wenn er Firmen ertappt, die nicht nachhaltig wirtschaften oder völkerrechtswidrige Vorhaben beliefern, packt er zu. Schmeißt sie kompromisslos aus seinem weltweit 8500 Beteiligungen zählenden Portfolio.

Oslos Parlament setzte den Riesen als Oljefondet, als Ölfonds, in die Welt, der sich von fast den gesamten staatlichen Erlösen aus Öl und Gas nährt. Der neue Name unterstreicht seine Bedeutung für die ganze Nation: Heute soll er die wachsenden Kosten für die alternde Gesellschaft auffangen und die Reserven für die Zeit nach dem schwarzen Gold hüten. So nützt Norwegen das Glück, das es mit der Entdeckung des Öls 1969 hatte, heute verantwortungsvoller als jedes andere von der Natur begünstigte Land.

Sein Oljefondet ist nicht nur zu einem der größten Investmentfonds der Welt geworden, sondern auch zum Lehrbeispiel für eine moralisch kontrollierte Investmentstrategie. Wer sich nicht an die Investitionsleitlinien des Fonds hält, dessen Aktien stoßen die zwei Damen und drei Herren vom Ethikrat des Finanzministeriums mit öffentlicher Ansage ab. Die Leitlinien für die Auswahl der Aktien durch das Ministerium haben sie selbst 2004 aufgestellt. Ihre Mitarbeiter überprüfen jährlich bis zu 4000 Firmen. "Die schlimmsten Unternehmen", sagt die Ratsvorsitzende Gro Nystuen, "werden herausgefiltert. Bisher ist die Regierung unseren Vorschlägen gefolgt." 46-mal.

Gerade hat der Fonds auf die Anteile von zwei israelischen Firmen verzichtet. Sie verletzen nach Angaben des Finanzministers die Genfer Konvention, weil sie zum Bau von Siedlungen in den besetzten Palästinensergebieten beitragen. Die bisher spektakulärste Aufkündigung widerfuhr dem größten privaten Arbeitgeber der USA, dem Einzelhandelskonzern Wal-Mart. Begründung: Missachtung von Menschenrechten, Diskriminierung von Frauen, Dumpinglöhne, Kinderarbeit bei Lieferanten. Auch die Beteiligung an 17 Tabakfirmen von Philip Morris bis British American Tobacco stieß der Fonds ab. Auf seiner schwarzen Liste steht die gesamte Rüstungs- und Glücksspielindustrie. Aus dem Portfolio geworfen wurden die Papiere von sieben Konzernen, denen der Ethikrat die Herstellung von Teilen für Atomwaffen ankreidete, darunter Boeing und Honeywell. 

Ein vegetarischer Saurier, zu viel Skrupel, zu wenig Siegermentalität? "Wir schauen zuerst auf den Profit", verneint Gro Nystuen, "der Fonds ist ja ein Sparbuch, das künftigen Generationen Freude bereiten soll. Und Vorsorge ist ethisches Handeln."

So unterscheidet sich der Riese im von der Natur beschenkten Norwegen von den mit Milliarden Regierungssubventionen bedachten Energiegiganten hierzulande. Sie müssen ja nicht gleich ethisch handeln. Aber die Einzahlung auf ein deutsches Sparbuch etwa, das künftigen Generationen die Entsorgung des Atommülls erleichtert, wäre schon vor Langem das Mindeste gewesen.