Fritz J. Raddatz: Nun also, fasten the seatbelt, Feuer frei, die Guillotine ist aufgestellt.

DIE ZEIT: Herr Raddatz, waren Sie beim Wiederlesen irritiert von dem Menschen, der Ihnen in Ihrem Tagebuch entgegentrat?

Raddatz: Man liest ein Tagebuch in Wahrheit nur dann noch einmal, wenn man plant, es zu veröffentlichen, dann allerdings Komma für Komma, jede Schmähung, jede Frotzelei. Ich habe, das muss ich sagen, nichts geschönt oder umgeschrieben, aber natürlich gekürzt. Und, ja, manchmal war ich mir selber ziemlich peinlich, besonders in den larmoyanten Passagen. Bei den ständigen "Ach, ich habe Kopfweh"-Notaten habe ich schon etwas gekürzt, aber ich gehe keineswegs schonend mit mir um. Ich würde fast sagen: am allerwenigsten von allen auftretenden Figuren. Viel von dem Selbstmitleid habe ich stehen gelassen.

ZEIT: Ihr Tagebuch hat auch eine erschütternd traurige Seite. Eigentlich haben Sie ein so gelingendes Leben aus der Fülle geführt, und doch zeigt das Tagebuch einen eher unglücklichen Menschen.

Raddatz: Es war ein reiches Leben, auch ein farbiges, aber dass es jahrzehntelang nur ein glückliches war, das würde ich nie sagen. Die Leute, die im Alter auf ihr Leben zurückschauen und sagen: "Es war so glücklich", die verdrängen viel und lügen sich ihr Leben zurecht. Das hasse ich wie die Pest. Mein Leben war reich, nicht immer erfolglos. Ich habe meine beiden Berufe bei Rowohlt und bei der ZEIT geliebt. Ich bin mit einer großen Menschengläubigkeit in die Welt gegangen, ich habe Menschen geliebt. Was vielleicht nicht nur ein positiver Charakterzug ist. Ich habe an Menschen sehr gehangen, auch an Autoren, von denen ich dann manchmal enttäuscht wurde. Wenn ich zum Beispiel in Hubert Fichtes Tagebüchern lesen musste, wie er über mich dachte.

ZEIT: Haben Sie eine Idee, welches Motiv am häufigsten auftaucht in Ihrem Tagebuch?

Raddatz: Ich.

ZEIT: Logisch, aber etwas spezieller?

Raddatz: Ich vermute: Verzagtheit, Traurigkeit, Enttäuschung und immer wieder die große, graue Katze Vergeblichkeit. Das schöne Wort von Tucholsky: "Erfolg, aber keine Wirkung." Das nagt an jemandem wie mir. Das hat mich in meinem Leben mehr verfolgt, als mir beim Eintragen ins Tagebuch bewusst war.

ZEIT: Wir dachten an ein anderes Motiv: Geld.

Raddatz: Ach so.

ZEIT: Sie werfen auf jeder dritten Seite der Mitwelt vor, sie sei geizig, wo Sie selbst doch so großzügig seien.

Raddatz: Sie haben recht. Dabei hatte ich selbst immer ausreichend Geld, obwohl ich mir ständig Sorgen machte über meine Altersvorsorge und Ähnliches. Aber ich ärgere mich natürlich, wenn man mir für einen Vortrag nur 500 Euro zahlen will, weil ich das als ungerechte Behandlung empfinde. Das ist doch missachtend!

ZEIT: Man hat, wenn man Ihr Tagebuch liest, das Gefühl, es sei fast unmöglich, sich so zu verhalten, dass man von Ihnen nicht der Undankbarkeit geziehen wird. Sie schreiben immer wieder sinngemäß: Wenn ich einlade, gibt es Champagner, bin ich hingegen bei anderen zu Gast, bekomme ich nur einen billigen Frascati vorgesetzt.

Raddatz: Bestenfalls!

ZEIT: Symbolisiert Geld für Sie Wertschätzung?

Raddatz: Ja, Geld ist eine Form der Wertschätzung. Und ich bin schwer zufriedenzustellen – nicht nur was Geld betrifft.

ZEIT: Die Hamburger Gesellschaft schneidet nicht gut ab, das sind immer reiche, aber kulturlose Pfeffersäcke.