Thilo Sarrazin hat mich gelobt, ich bin Vietnamesin. Eine von denen, die gut in der Schule waren und Deutsch früh gelernt haben, es lag wohl an den guten Genen. Wir Vietnamesen sind ja sehr beliebt. Kaum macht sich einer wie Sarrazin der Fremdenfeindlichkeit verdächtig, zitiert er unseren Erfolg: "Guckt euch diese fleißigen Menschen an! Wenn sie sich hocharbeiten können, warum können es die faulen Muslime nicht?!"

Mit seinem Lob wollte Sarrazin beweisen, dass er nichts gegen Einwanderer hat. Er hat uns wie einen Joker gezogen in seinem Gute-Migranten-schlechte-Migranten-Spiel. Offensichtlich kennt er uns genauso schlecht wie sie; das vermeintliche vietnamesische Erfolgsmodell lässt sich nicht exportschlagermäßig auf die Muslime übertragen.

Meine Eltern, die hier in den siebziger Jahren einwanderten, brachten mir bei, dass ich besser als "die Deutschen" sein müsse, um als gleich anerkannt zu werden. Eine Zwei auf dem Zeugnis war eine Enttäuschung. Wenn ich sagte, dass das "gut" bedeutet, sagten sie mir: "Du sollst dich nicht mit den Deutschen vergleichen. Du bist anders als sie." Es klang so wie: Du bist nicht so viel wert wie sie.

Wenn wir früher vietnamesische Bekannte trafen, verglichen meine Eltern meine Noten mit den Noten der Kinder ihrer Bekannten. Im konfuzianistischen Vietnam ist Bildung sehr wichtig, der Lehrer die am meisten respektierte Person überhaupt, und diese Haltung nahmen die Einwanderer nach Deutschland mit. Im Gegensatz zu den türkischen Gastarbeitern hatten viele vietnamesische Einwanderer Schulabschlüsse, manche studierten dann auch in Westdeutschland.

Einmal besuchte uns eine vietnamesische Bekannte mit ihrem Sohn, sie brachte einen Pokal mit, den er bei einem Mathematikwettbewerb gewonnen hatte, und stellte ihn bei uns auf den Wohnzimmertisch. Der Sohn schämte sich zutiefst: "Muss meine Mutter mit mir so angeben?", fragte er gequält.

Erst später verstand ich, dass auch unsere Elterngeneration unter Leistungsdruck stand. Fern von ihrer Heimat, war ihnen die gesellschaftliche Anerkennung der anderen Exilvietnamesen umso wichtiger. "Glück bedeutet für die Familie, wenn das Kind es besser hat als der Vater", lautet ein Sprichwort. Viele Vietnamesen der ersten Generation sprechen nicht so gut Deutsch, manche schlagen sich als Nudelverkäufer oder Handpflegerinnen durch. Sie projizieren ihre Hoffnungen auf die zweite Generation. Und die wiederum opfert sich aus Pflichtgefühl auf.