ZEITmagazin: Sind Journalisten wirklich so interessant?

Rainald Goetz: Natürlich. Auch die Journalisten selber beschäftigen sich in neunzig Prozent ihrer Zeit mit dem, was andere Journalisten machen, alles wird wegwerfend gescannt, kenn ich, weiß ich, interessiert mich nicht. Zugleich extrem ängstlich: Steht vielleicht doch bei irgendwem plötzlich mal was Neues drin? Wohin geht die Drift? Bin ich noch dabei?

ZEITmagazin: Mein Zweifel ist eher, ob sich viele Leser für manche Details innerhalb der Medienbranche wirklich interessieren.

Rainald Goetz: Was die Leser interessiert, ist mir egal. Mir geht es um die Relevanz des Themas, dieses Weltbereichs, den ich meiner sogenannten teilnehmenden Beobachtung aussetze, von innen, von außen und möglichst böse. Das mag der Journalismus nicht, wenn er so beobachtet wird. Das macht aber nichts.

ZEITmagazin: Stört Sie der Gedanke nicht, dass Ihre Bücher vielleicht deswegen einem größeren, nicht so medieninteressierten Publikum verschlossen bleiben?

Rainald Goetz: Nein, es geht um Wahrheit. Quote ist was für Loser.

ZEITmagazin: Sie haben einmal geschrieben: "Die Welt der Seele ist komplett zugemüllt von den gepanzerten Standards der Frauenzeitschriftenwelt." Wenn das so ist: Warum schreiben Sie dann nicht anders über die Seele, über Gefühle, Familie?

Rainald Goetz: Das werfe ich mir auch vor. Ich kann das nicht. Man weiß ja nie, was auf einen zukommt als Schreiber, und natürlich hoffe ich, dass auch dieser Bereich für mich eines Tages beschreibbar wird. Dabei träume ich immer noch von innenlebenfreien Figuren, aber vielleicht kann man so im Erzählerischen gar nicht schreiben, wie ich mir das vorstellen würde.

ZEITmagazin: In Ihrem Buch "loslabern" schreiben Sie, dass Sie "zwischen den Büchern" stehen, "in der Sprache anstatt in der Welt". Wie steht es sich da?

Rainald Goetz: Ich finde es stressig, aber natürlich auch super.

ZEITmagazin: In einem Interview mit dem "jetzt"-Magazin haben Sie im Jahr 2000 gesagt, natürlich dürfe man das, was nachts beim Ausgehen so gesagt werde, nicht wörtlich nehmen – aber Sie könnten einfach nicht anders.

Rainald Goetz: Stimmt.

ZEITmagazin: Sie nehmen es mit der Sprache genauer als die meisten Menschen.

Rainald Goetz: Nicht die Sprache nehme ich genauer, die Sprache ist sekundär. Es geht um die Inhalte, um das Gemeinte, und erst das führt dann zu der Genauigkeit in der Aufmerksamkeit für die Sprache.

ZEITmagazin: Diese Situationen kennen, glaube ich, viele Ihrer Bekannten, Kollegen, Freunde: Man begegnet Ihnen, Sie überspringen die Small-Talk-Phase, sagen sofort etwas Konkretes, zum Beispiel über einen Artikel, den Sie gelesen haben. Man antwortet – und manchmal beginnt ein Gespräch, manchmal aber brechen Sie es mit einer knappen Bemerkung ab, sichtlich irritiert. Und man selbst weiß gar nicht, wie einem geschieht.

Rainald Goetz: Ja.

ZEITmagazin: Das kann ziemlich anstrengend sein.

Rainald Goetz: Ja, dieser Genauigkeitsfanatismus ist anstrengend, ich weiß, das ist ein Sozialterrorismus, das ist auch falsch. Aber wenn Ungenauigkeit gefragt ist, wenn Gespräche keinen inhaltlichen Gegenstand haben, muss ich mich extrem darauf konzentrieren. Umgekehrt ist es für mich überhaupt kein Problem, sofort in die intensivste inhaltliche Debatte einzusteigen, sofort inhaltlich loszutexten. Aber plötzlich schön locker Konversation zu machen ist echt Stress.

ZEITmagazin: Warum?

Rainald Goetz: Man ist dabei auf Höflichkeit angewiesen, Höflichkeit ist aber nicht sehr weit verbreitet. Je weiter oben die Leute sind, je mächtiger sie sind, umso unverschämter sind die Ordinärheiten im Umgang, das ist die Erfahrung. Ich sitze mit Sloterdijk in einem Gremium, der kommt immer zu spät, jedes Mal, der inszeniert das als Status-Prärogativ, wie soll man mit so jemandem, der offenbar gar nicht weiß, wo er endet, in eine normale Interaktion eintreten? Kontroverse Debatte hingegen geht immer, auch mit einem Sloterdijk. Mit höflichen Leuten, die es natürlich gibt, ist alles ganz leicht, auch das Leichte. Insgesamt bleibt das soziale Spiel für mich aber ein geheimnisvoller Vorgang. Erst im Nachhinein, wenn ich mir die Grobheit eines Verhaltens, einer Geste, einer Distanzlosigkeit erklären kann, ist es kein Problem mehr. Aber in dem Moment, in dem es passiert, in dem ich es beobachte: Irritation! Irritation!