ZEITmagazin: Ging Ihnen das immer schon so?

Rainald Goetz: Das weiß ich nicht. Aber es ist auf jeden Fall etwas, was einen in den Text treibt, weil man dort in absoluter Ruhe und Klarheit die Möglichkeitsgrenzen von Gedanken ausloten kann, die Sachen verstehen. Das geht in der Stille natürlich besser, alleine besser als in einer Gruppe. Was im Sozialen also oft hinderlich ist, hat an den Stellen, die mein Berufsleben geworden sind, einen Sinn. Da freut man sich.

ZEITmagazin: Herr Goetz, wenn man Ihnen eine Weile gegenübersitzt, fallen einem zwei Dinge auf. Sie haben lange Jahre Ihre Haare gebleicht, heute sind sie grau. Gab es einen Moment, in dem Sie beschlossen haben: Jetzt höre ich mit dem Bleichen auf?

Rainald Goetz: Ja, als ich gemerkt habe, dass sie unten an der Haarwurzel, wo sie nachgewachsen sind, plötzlich nicht mehr schwarz waren, sondern schon richtig angegraut. Ich habe mir immer mit einer solchen Begeisterung diese Bleichmittel auf den Kopf geklatscht, dass die ganze Kopfhaut nur so gebrannt hat. Ich dachte dann immer: Das passt, wie das brennt auf dem Kopf, so ist es.

ZEITmagazin: Und plötzlich haben Sie gemerkt, dass Ihre Haare von der Natur entfärbt worden sind.

Rainald Goetz: Ja, ich hätte darauf vorbereitet sein können, es liegt in der Familie, aber ich war Mitte 40, als ich es gemerkt habe. Ich weiß noch, wie ich damals, erstmals mit den grauen Haaren, bei Albert Oehlen in Köln vor der Haustüre stand. Er war richtig schockiert, wie er mich sah, und fand das bodenlos von mir, dass ich plötzlich so ergraut bin. Mich hat das auch erst gestresst, aber dann dachte ich: Gut, das ist also das Alter.

ZEITmagazin: Das andere, was einem auffällt: Man sieht auf Ihrer Stirn die Narbe Ihres Rasierklingenschnitts, vor fast 30 Jahren auf der Bühne in Klagenfurt. Diese Aktion prägt das Bild von Ihnen bis heute. Haben Sie das jemals bereut?

Rainald Goetz: Nein.

ZEITmagazin: Denken Sie manchmal daran?

Rainald Goetz: Ja.

ZEITmagazin: Und was geht Ihnen da durch den Kopf?

Rainald Goetz: Freude.