DIE ZEIT: Herr Schneider, Sie vermissen in der Politik vor allem Schamgefühl. Warum?

Ulrich Schneider: Es geht darum, wo in unserer superreichen Gesellschaft die ganz persönliche Scham anfängt, besonders für Politiker und andere Menschen, die Macht haben. Ich fürchte, dass es vielen von ihnen nicht nur an Schamgefühl mangelt, sondern sie auch zunehmend verlernen, Armut in ihrer Umgebung zu sehen, etwa in der Schulklasse der Kinder.

ZEIT: Kommt man in der Politik mit kühlem Kopf nicht weiter als mit schlechtem Gewissen?

Schneider: Nein, wenn ich keine gemeinsame emotionale Grundlage mit meinem Gegenüber habe, kann ich nur schwer über Armut reden. Nehmen wir die aktuelle Spardebatte: Wie man eiskalt den oft alleinerziehenden, jungen, an allen Fronten kämpfenden Hartz-IV-Empfängerinnen das Elterngeld streichen kann – das ist für mich nur so zu erklären, dass einigen in der Regierung das Gefühl für das Leben am unteren Rand fehlt.

ZEIT: Gleichwohl sucht die Regierung gerade nach neuen, möglichst objektiven Regeln für Einkommen für Hartz-IV-Empfänger. Was sagt Ihr Schamgefühl zu den Berliner Plänen, armen Kindern mit Bildungsangeboten zu helfen, die über eine Chipkarte bezahlt werden ?

Schneider: Die Chipkarte ist nur ein Instrument, das vermutlich nie kommen wird.

ZEIT: Sie glauben den Ankündigungen nicht?

Schneider: Bis Anfang 2011 muss das Urteil des Bundesverfassungsgerichts umgesetzt werden, wonach der Staat für die Entfaltung der Persönlichkeit von Kindern unter anderem Bildungs- und Sportangebote bereitstellen muss. So schnell ist eine flächendeckende Einführung nicht machbar, stattdessen wird es Modellversuche geben. Bis die ausgewertet sind, werden sich lokal längst andere Strukturen etabliert haben. Die Chipkarte lenkt ohnehin nur von den entscheidenden Fragen ab: Welche Rechtsansprüche haben Kinder aus Hartz-IV-Familien? Wer ist für die Umsetzung zuständig? Wie läuft die Finanzierung?

ZEIT: Liegt Arbeitsministerin Ursula von der Leyen richtig damit, Bildung anzubieten, statt bloß mehr Geld für die Kinder zu zahlen?

Schneider: Ja. Das hat aber nichts mit Misstrauen gegen Hartz-IV-Empfänger zu tun, sondern damit, dass sich einige Leistungen nicht pauschal berechnen lassen. Wenn Nachhilfe heute schon ein Teil der Pauschale für jeden wäre, bekäme man dafür 4,33 Euro im Monat. Wem, bitte schön, wäre damit geholfen? Das kann es nicht sein. Da hat die Ministerin vollkommen recht. Überhaupt ist sie die Idealbesetzung für die Umsetzung dieses Urteils, ein Glücksfall.

ZEIT: Das sagen Sie, obwohl die wichtigsten Entscheidungen noch ausstehen?

Schneider:Frau von der Leyen vermittelt den Eindruck, dass ihr Kinder am Herzen liegen. Sie wird nicht einfach das Urteil des Verfassungsgerichts so billig wie möglich umsetzen. Deswegen beraten wir sie gern und schlagen ihr vor, bei der Umsetzung des Urteils nicht auf die Arbeitsverwaltung zu setzen. Das ganze Thema gehört dringend in das Kinder- und Jugendhilfegesetz. Das Verfassungsgericht hat ja nicht Rechte für Kinder in Hartz-IV-Bezug definiert, sondern für alle Kinder.