Als ich so elf, zwölf Jahre alt war, begann ich mich zu wundern über die großen Unterschiede beim Geld. Da verdienten manche Väter im Ort anscheinend doppelt so viel wie mein kluger Papa, andere nur die Hälfte. Es wollte mir nicht in den Kopf, warum die einen so arm blieben und die anderen so reich wurden. Alle strengten sich doch irgendwie an.

Heute bin ich erwachsen, verdiene selbst doppelt so viel wie die einen und halb so viel wie die anderen. Doch ab und zu reibe ich mir die Augen angesichts der großen Unterschiede. Und dann muss ich mir selbst mal wieder erklären, warum das so ist – und vor allem, warum es auch Arme gibt in unserem ja eigentlich ziemlich reichen Land.

Der Hauptgrund dafür: Wer schlecht ausgebildet ist, wer also wenig gelernt hat, bekommt hinterher für seine Arbeit oft wenig Geld. Am wenigsten verdienen meist diejenigen, die früh von der Schule abgegangen sind und auch keinen Beruf erlernt haben. Das ist nicht nur bei uns so, sondern fast überall auf der Welt.

Dann gibt es Menschen, die haben zwar einmal etwas gelernt, aber es zählt heute nicht mehr viel. Wäre ich zum Beispiel ein Fachmann dafür, wie man Schallplattenspieler (damit hörten Eure Großeltern Musik) baut, hätte ich es sicher schwer, eine Arbeit zu finden. Denn viele kaufen heute lieber CD-Player oder hören Musik am Computer. Es werden also weniger Schallplattenspieler gebaut. Aber selbst wenn ich gut darin wäre, in einer Fabrik CD-Spieler oder iPods zusammenzubauen, hätte ich ein Problem. Denn die werden heute nicht bei uns in Deutschland gebaut, sondern im fernen China, weil die chinesischen Fabrikarbeiter für besonders wenig Geld arbeiten.

Mit dem Lohn eines Fabrikarbeiters in China wäre man in Deutschland sehr, sehr arm. Denn als arm bezeichnen wir bei uns nicht bloß Menschen, die nicht genug zu Essen haben – die gibt es in Deutschland kaum. Nein, als arm gelten alle, die nur etwa halb so viel Geld bekommen wie ein "normaler" Angestellter – wie also zum Beispiel die Frau, die am Bankschalter Geld auszahlt, oder der Mann, der neue Autos verkauft.

Wer also nur etwa halb so viel verdient, gilt als arm. Diese Menschen werden zwar satt und haben vielleicht auch einen Fernseher und einen Kühlschrank zu Hause, sie können sich aber vieles, was in Deutschland normal ist, nicht oder nur ganz schwer leisten. Keinen Urlaub an der Ostsee, kein Auto, keine neuen Fußballschuhe für den Sohnemann, obwohl er die doch dringend braucht – und auch keine Nachhilfe in Mathe.

In Deutschland gibt es mehrere Millionen Menschen, denen es so ergeht: Arm sind Eltern mit ihren Kindern , Ehepaare, junge und alte Erwachsene, die allein leben. Viele haben gar keine Arbeit , andere haben nur eine schlecht bezahlte Stelle.