Am besten verkaufen sich Kunstwerke, das betonen die Auktionatoren gern, die "marktfrisch" sind, also jahrzehntelang in keiner Verkaufsausstellung oder Auktion aufgetaucht sind. Diese Gier nach "Marktfrische", so zeigt sich jetzt, hat einen der spektakulärsten Fälschungsskandale des internationalen Kunsthandels begünstigt. Mehrere ausgewiesene Experten ließen sich täuschen.

Etwa im Fall des 2006 im Kölner Auktionshaus Lempertz verkauften Roten Bildes mit Pferden von Heinrich Campendonk. Das Bild hatte vor 1930 – wie ein Aufkleber auf dem Keilrahmen bewies – zur Sammlung des legendären Kunsthändlers Alfred Flechtheim gehört und kam nun auf den Markt: Das Auktionshaus feierte es als Wiederentdeckung. Das Bild wurde schließlich für 2,9 Millionen Euro versteigert – so viel Geld war noch nie für einen Campendonk bezahlt worden.

Schade nur, dass sich das Werk im Nachhinein als etwas zu marktfrisch herausstellte. Ein Gutachten wies auf der Leinwand die Farbe Titanweiß nach, die 1914 noch nicht existiert hatte. Die betrogene Käuferin streitet sich seither mit dem Auktionshaus Lempertz um die Rückzahlung der Millionen. Im Laufe des Verfahrens wurde auch der Kunsthistoriker und Flechtheim-Kenner Ralph Jentsch wegen des Aufklebers auf dem Keilrahmen um Expertise gebeten. Jentsch hält das Stück Papier, auf dem ein Porträt Flechtheims prangt, für eine plumpe Fälschung.

Der falsche Aufkleber wird nun auch anderen Bildern, denen er eine besonders exklusive Provenienz verleihen sollte, zum Verhängnis. Jentsch stieß mithilfe der Polizei und anderer Experten auf mindestens 19 Leinwände, die alle ähnlich gerahmt wurden und wohl aus derselben Fälscherwerkstatt stammen. Vergangene Woche hat die Polizei die mutmaßlichen Täter festgenommen.

Zwei Schwestern aus dem Rheinland sollen über das Auktionshaus Lempertz, aber auch über Christie’s in London und eine Galerie in Paris falsche Bilder etwa von André Derain, Max Ernst und Fernand Léger im Wert von mehreren Millionen Euro verkauft haben.

Etliche Bilder hat die Polizei inzwischen beschlagnahmt, darunter Pechsteins Liegender weiblicher Akt mit Katze (unser Bild), der bei Lempertz versteigert worden war. Auch über dessen "Marktfrische" hatten sich die Experten gefreut, genau wie bei dem Gemälde La Horde von Max Ernst, das 2006 bei Christie’s in London für 3,5 Millionen Pfund versteigert werden sollte – die aber niemand bieten wollte. Später kaufte der Unternehmer Reinhold Würth La Horde, der Max-Ernst-Experte Werner Spies hatte es für echt befunden. Auch dieses Bild trage auf seiner Rückseite einen falschen Flechtheim-Aufkleber, sagt Jentsch.

Festgenommen wurden die verdächtigen Schwestern, nachdem sie sich in abgehörten Telefonaten gegenseitig belastet hatten. Der ebenfalls festgenommene Ehemann der einen Schwester, Wolfgang B., ist Maler. Sucht man im Internet nach seinem Werk, findet man kaum mehr als einen Artikel über Schönheitsoperationen, der 2006 im Spiegel erschienen ist. Der mutmaßliche Kunstfälscher berichtete dem Magazin damals von einer geglückten Straffung seiner Unter- und Oberlider: "Nicht mal meine Freunde haben was gemerkt."