Karl H. Beine, Psychiater im St. Marien-Hospital in Hamm und Experte für die Streitfrage, ist grundsätzlich dafür, den Patientenwillen ernst zu nehmen. Im Stationsalltag bringe das allerdings gravierende Probleme mit sich, sagt er und spricht damit die Sorge vieler seiner Kollegen aus. Denn die meisten Menschen werden gegen ihren Willen behandelt, weil sie in einer akuten Krise sich selbst oder andere gefährden – zumindest eine stationäre Unterbringung ist daher nötig.

Ohne Medikamente sind psychisch Kranke zeitaufwendig und nervig
Lutz Eisel, Rechtsanwalt

Aber kann man von einem Arzt fordern, dass er einen Patienten ohne Medikamente lässt, weil dieser einen Zettel dabei hat, auf dem er sich gegen Beruhigungsmittel ausspricht? Darf ein Mediziner gar dabei zusehen, wie sich ein Betroffener umbringt, weil es sein aktueller Wille ist und er zuvor verfügt hat, dass dieser immer gilt? Ab wann muss man jemanden vor sich selbst schützen?

Lutz Eisel, Rechtsanwalt und Notar in Bochum, sagt es so: "Ohne Medikamente sind psychisch Kranke zeitaufwendig und nervig." Er vertritt seit dreißig Jahren "Menschen mit seelischen Krisen". Doch so sehr Eisel sich wünscht, dass die Krankenrechte gestärkt werden, so wenig glaubt er, dass die Patientenverfügung diese Hoffnung erfüllt. Eine "juristische Missgeburt" nennt er das Gesetz, das zu viel ungeklärt lasse.

Im Januar etwa sprach das Landgericht Bochum dem Wunsch eines Mannes die Gültigkeit ab, weil die Richter bezweifelten, dass zum Zeitpunkt der Äußerung ein freier Wille bestand. Zu beweisen sei so etwas nicht, sagt Eisel. Fälle wie dieser werden durch die Instanzen gehen, und irgendwann wird dann wohl eine Entscheidung am Bundesgerichtshof mehr Klarheit vor dem Gesetz bringen.

Die Debatte wird also andauern. Sie wird Juristen, Ärzte, Angehörige und Patienten dazu zwingen, über ihre unterschiedlichen Rollen und Menschenbilder zu diskutieren. Bei jedem einzelnen Fall geht es um dehnbare Begriffe wie Freiheit und Glück und die Frage, was aus einer Gesellschaft wird, in der jeder einzelne selbst über den Wert des Lebens bestimmen kann. Das beantwortet kein Gesetz.

*Name geändert