Dieser Gedenktag wird anders. 9/11. Der 11. September. In den vergangenen acht Jahren war dies der Tag, an dem man gemeinsam über alle Grenzen der Hautfarben und Religionen hinweg für die Opfer des Terroranschlags im Jahr 2001 betete. Am Samstag aber, dem neunten Jahrestag des Anschlags, wird Manhattan ein politisches Spektakel erleben. Tausende von Demonstranten wollen gegen die "Islamisierung Amerikas" protestieren.

Als Symbol dieser Bedrohung haben sie ein islamisches Gemeindezentrum mit Moschee ausgemacht, das 250 Schritte vom früheren World Trade Center entfernt entstehen soll. Newt Gingrich, der ehemalige Sprecher des Repräsentantenhauses und ein möglicher republikanischer Präsidentschaftskandidat, Sarah Palin und der ehemalige UN-Botschafter John Bolton unterstützen die Demonstranten. Aus Europa will Geert Wilders kommen, Vorsitzender der niederländischen "Freiheitspartei", der den Koran und den Bau neuer Moscheen verbieten und sich als Anführer einer antimuslimischen Internationale profilieren will. Kulturkampf um Moscheebauten – das war bisher eine europäische Eigenheit, auf die Amerikaner irritiert schauten. Doch jetzt, beinahe ein Jahrzehnt nach den Anschlägen, scheint plötzlich nichts mehr gewiss in Amerikas Beziehung zu den Muslimen im eigenen Land.

Im Verhältnis des Westens zum Islam gibt es ein transatlantisches Paradox: Europa mag in der islamischen Welt beliebter sein als Amerika. Doch bei der Integration seiner Muslime hat es viel größere Probleme als die USA. Amerika hingegen, durch zwei blutige Kriege in der islamischen Welt außenpolitisch diskreditiert, reüssierte dennoch bei der Integration islamischer Einwanderer. Man kämpfte zwar gegen militante Islamisten in Übersee, doch zu Hause schaute man streng auf die Trennung zwischen Islam und Islamismus. George W. Bush hatte nach dem 11. September 2001 nichts Eiligeres zu tun, als eine Moschee aufzusuchen und zu erklären, der Islam sei "eine Religion des Friedens". Die Republikanische Partei achtete, solange sie regierte, auf die Differenz von Religion und terroristischer Ideologie. Vorbei. Im Moscheestreit von Manhattan werden die Grenzen verwischt. Mit voller Absicht.

Seit den Pilgervätern hat Amerika religiös Verfolgten Zuflucht geboten

Zwischen Ground Zero und Park Place Nummer 51 liegen zwei riesige Wolkenkratzer und zwei Querstraßen mit tosendem Verkehr, kleinen Läden und Kneipen. 250 Schritte braucht man von einem ort zum anderen. Über diese 250 Schritte tobt seit Monaten ein erbitterter Streit, der das ganze Land erfasst hat und Wellen weit über Amerika hinaus schlägt. Vordergründig geht es um den Bau einer Moschee. Tatsächlich geht es um religiösen Pluralismus und das amerikanische Integrationsmodell – und um den schwarzen Präsidenten Barack Obama, der das Land in einer schweren Krise regiert.

Seit den Pilgervätern hat sich Amerika als Zufluchtsort religiös Verfolgter verstanden. Die Trennung von Kirche und Staat hatte hier nie den Sinn, die Religion aus der Öffentlichkeit zu drängen. Im Gegenteil, sie sollte den vielen Glaubensgemeinschaften das Auskommen miteinander ermöglichen. Amerika ist – für Europäer schwer begreiflich – nicht zuletzt darum ein säkulares Gemeinwesen, damit die Religion im öffentlichen Leben eine Rolle spielen kann. In die Neue Welt darf jeder Einwanderer seine Götter und Gebräuche mitbringen.

Dieser Tage aber fragen sich viele: Gilt das wirklich für alle Religionen? Auch für den Islam? Manches erinnert plötzlich an Europa, an die Debatten über Kopftücher und Moscheen und Thilo Sarrazin. Plötzlich fantasieren auch Amerikaner: "Schaffen sich die Vereinigten Staaten ab?" Neun Jahre nach dem 11. September tut sich ein Abgrund des Misstrauens auf: Die Gegner der Moschee fragen, ob Muslime jemals loyale amerikanische Bürger sein können. Und die Muslime beginnen zu bezweifeln, ob man sie je als gleichberechtigte Staatsbürger akzeptieren wird. Für die einen, die Minderheit, ist die geplante Moschee am Park Place 51 Ausdruck ihrer Religionsfreiheit. Für die anderen, die große Mehrheit, rückt sie respektlos nah an diese nationale Trauerstätte für 3000 ermordete Menschen heran. Drei Viertel aller Amerikaner wünschen nach einer Umfrage der New York Times eine Verlegung des islamischen Zentrums.

Der Streit hat inzwischen eine antiislamische Welle ausgelöst. Zwischen Kalifornien und Wisconsin formiert sich Widerstand gegen fast jede neue Moschee. Gebetsräume werden beschmiert und Baumaschinen in Brand gesetzt. In Florida will ein evangelikaler Pastor in einem großen Feuer den Koran verbrennen. Und in New York stach soeben ein Fahrgast einen Taxifahrer aus Bangladesch nieder, nachdem der auf die Frage "Sind Sie ein Muslim?" mit Ja geantwortet hatte.

Der New Yorker Feuerwehrmann Jim Riches wird am Samstag mitdemonstrieren. "Arrogant und gefühllos" nennt er die Baupläne der muslimischen Gemeinde. Sein Sohn Jimmy, Feuerwehrmann wie er, stürmte am 11. September 2001 in den brennenden Nordturm des World Trade Center, um zu helfen – und kam nicht mehr heraus. Immer wieder kehrt der Vater an den Todesort zurück, wo Arbeiter noch immer Gebeine von Opfern finden. "Das ist ein heiliger Ort, den niemand entweihen darf", sagt er. Und dann spricht er aus, was die meisten Moscheegegner denken und was den Kern ihres Widerstands ausmacht: "Nie werden wir vergessen können: der Angriff gegen unser Land erfolgte im Namen des Islams."