Manche Orte führen ein Dasein wie Eintagsfliegen: zu flüchtig, um Charakter auszuprägen. Nichts kann dort gedeihen, nichts bleibt haften, nicht einmal Erinnerungen. An diesem Ort dagegen reift schon von jeher Besonderes heran: von der flamboyanten Spätgotik bis zum mondänen Kurbetrieb der Aufklärungszeit, hier in Kleve, in einer an sich doch so weltfernen Gegend inmitten der niederrheinischen Provinz. Das Museum Kurhaus Kleve, das seit wenigen Jahren diesen Ort mit all seinen fantastischen Kristallisationen bekrönt, ist nur die jüngste dieser Blüten.

Mindestens ebenso sehr wie die dynamisch wachsende Sammlung wird man daher die Ausblicke, die Durchblicke auf den Geist und die Geschichte dieses Ortes zu schätzen wissen. Beides fesselt gleichermaßen den Besucher: der Museumsbestand mit seinem sehr breiten, aber auch lokal gefärbten Spektrum, das vom Reigen spätmittelalterlicher Holzskulpturen aus den Werkstätten der bedeutendsten niederrheinischen Bildschnitzer bis zur internationalen Kunst der Gegenwart zwischen Jeff Wall und Axel Hütte, Richard Serra und Lothar Baumgarten reicht. Und der Beziehungsreichtum dieses Ortes, der im Museum kulminiert.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Ewald Mataré und Joseph Beuys, beide mit dieser Landschaft verwachsen, wenn nicht gar aus ihr herausgewachsen, sind die Zentralgestirne dieser Sammlung. Sie nimmt ohnehin so recht erst Gestalt an, als 1988 Matarés gesamter künstlerischer Nachlass mit mehreren hundert Plastiken, Holzschnitten und Zeichnungen von seinen Nachkommen an die Stadt Kleve übergeben wird, hatte er doch hier, noch kurz vor der Nazizeit, sein erstes öffentliches Mahnmal überhaupt errichtet. Diese Schenkung bot damals den Anlass für den fundamentalen Um- und Ausbau der alten städtischen Kunstsammlung, für ihren 1997 erfolgten Umzug in diesen dreiteiligen klassizistischen Gebäudekomplex, der aus dem mittleren 19. Jahrhundert stammt, aus Bad Cleves Glanzzeit, von der heute vor allem noch das Kurhaus Zeugnis ablegt. Unweit von hier ist Matarés Meisterschüler Joseph Beuys aufgewachsen. Im ehemaligen Friedrich-Wilhelm-Bad hatte er von 1957 bis 1964 sogar mehrere Räume als Werkstatt gemietet; hier überwand er eine schwere Lebenskrise, und hier verpuppte er sich schließlich in seinem schillernden Künstlertum.

Dass diese Atelierräume nun im Zuge eines Umbaus wieder sichtbar gemacht werden, dass zudem im Museum vor allem frühe, unter dem Einfluss Matarés entstandene Arbeiten von Beuys versammelt sind, trägt zum dichten Beziehungsgeflecht dieses Ortes bei. Sogar die Arbeiten zeitgenössischer Künstler, die im Lauf der letzten Jahre für das Museum erworben wurden und einen recht kleinen, aber durchaus ansehnlichen Kanon mit Klassikern der modernen Kunst zwischen Yves Klein und Robert Indiana ergänzen, stehen meist in enger Korrespondenz zu diesem Schauplatz: Sie wurden überwiegend, wie etwa die Werke von Richard Long oder Thomas Schütte, Ettore Spaletti oder Giuseppe Penone, für die ausgezeichneten Ausstellungen dieses Hauses geschaffen.

Aber der spezielle Geist des Ortes ist lange gewachsen. Schon im prächtig funkelnden Herbst des Mittelalters gehörte das reiche, bestens mit Burgund vernetzte Herzogtum Kleve zu den eminenten Schauplätzen höfischer Kultur. Rund zwei Dutzend erstklassige Schnitzfiguren besitzt das Museum Kurhaus aus jener Blütezeit. In den hochartistisch gespreizten Figuren einer fragmentarisch erhaltenen Wurzel Jesse des Henrik van Holt, vor allem aber in dem weltberühmten Handtuchhalter des Arnt van Tricht mit seinem frivolen Tête-à-Tête zwischen aufgeputztem Frollein und lüsternem Narren wird man einen besonders reizvollen Reflex jener Klever Grandezza sehen wollen.

Statt sich jedoch irgendwann zu verflüchtigen, setzte sich diese Grandezza auch späterhin fort, mit der hochbarocken, das ganze Terrain in ein Gesamtkunstwerk, in ein Freilichtmuseum, in einen schwindelerregenden Eklat von Sichtachsen und Alleen, Durch- und Ausblicken verwandelnden Parklandschaft, die der Weltmann Johann Moritz von Nassau-Siegen hier Mitte des 17. Jahrhunderts anlegen ließ. Weitgehend wiederhergestellt, rahmt das gartenkünstlerische Meisterwerk mit seinen atemberaubenden Kavaliersperspektiven heute das Museum. Es nimmt die Blicke des Besuchers auf – und lenkt sie wieder zurück, auf die Sammlung des Hauses. So würdigte schon Joseph Beuys den Schöpfer des Gartens als künstlerischen Ahnen, weil dieser es doch so trefflich verstanden habe, Natur in Kunst zu verwandeln. Und die Devise des weit gereisten Fürsten ziert heute die Wände des Museums, das als verblüffend welthaltiger Ort mühelos die Provinz überragt: "Soweit der Erdkreis reicht" steht stolz hier geschrieben.