Ja, vielleicht kann man noch eine Weile so weitermachen. Weiter streiten, alte Ressentiments hervorkitzeln, um Posten feilschen und über die Mitschuld Polens am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schwadronieren. Aber irgendwann ist es genug. Irgendwann wird von der Berliner "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung", dem wichtigsten geschichtspolitischen Vorhaben der Republik, nur noch ein Trümmerhaufen übrig sein. Irgendwann wird der Gedanke an Versöhnung und Aufklärung, dem die Stiftung eigentlich dienen sollte, endgültig begraben sein unter dem Giftmüll des zehnjährigen Streits über die richtige Form des Erinnerns.

Und dieses "irgendwann" ist nah. Weitaus näher jedenfalls, als die Verantwortlichen in Berlin offenbar wahrhaben wollen. Mit "Bedauern" hat Kulturstaatsminister Bernd Neumann jetzt offiziell auf die Ankündigung des Zentralrats der Juden in Deutschland reagiert, die Arbeit im Stiftungsrat wegen geschichtsrevisionistischer Bemerkungen zweier Stiftungsratsmitglieder einstweilen ruhen zu lassen, die von den Vertriebenen nominiert worden sind. "Bedauern" ist ein ziemlich flaues Wort, um ein Desaster zu kommentieren. Denn das ist der Schritt des Zentralrats für die Vertriebenenstiftung allemal.

Nachdem sich schon vor geraumer Zeit einige renommierte polnische und tschechische Historiker aus dem wissenschaftlichen Beirat der Stiftung verabschiedet haben, kündigen nun auch die Vertreter der Juden in Deutschland die Mitarbeit auf. Ausgerechnet diejenigen, die innerhalb der Stiftung für das Gedenken an die Opfer der Nazis stehen, sprechen ihr das Misstrauen aus. Versöhnen und aufklären können sich demnächst die Vertriebenenfunktionäre untereinander.

Steht das Projekt also vor dem Scheitern? Hat sich die Idee, in der Hauptstadt neben den großen Gedenkstätten für den Holocaust auch einen Erinnerungsort für die Schrecken und das Unrecht der Vertreibung zu errichten, nach zehn Jahren Debatte erledigt? War es, wie viele behauptet haben, von Anfang an ein Fehler, einen solchen Versuch überhaupt zu unternehmen?

Die Antwort ist: Wenn es so weitergeht wie bisher, dann wäre es besser, auf die Stiftung zu verzichten. Dann bringt sie mehr Schaden als Nutzen. Aber es muss so nicht weitergehen.

Man kann durchaus differenziert, voller Empathie für die Opfer – für alle Opfer – über die Vorgeschichte der Vertreibung und deren Grauen sprechen, über Grenzen hinweg. Es ist möglich, dass deutsche, polnische, tschechische und slowakische Historiker eine gemeinsame Sprache für die Erinnerung an die Vertreibung finden. Es ist sogar möglich, dass sie ein gemeinsames Konzept für die Ausstellungen der "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung" entwerfen.

Wunschdenken? Keineswegs. In Berlin wird an diesem Donnerstag genau ein solcher Vorschlag zur Güte unterbreitet, gemeinsam verfasst von Historikern aus Polen, Tschechien, der Slowakei und der Bundesrepublik. Alle gemeinsam treibt die Sorge, die bislang geplante Ausstellung der Berliner Stiftung werde die Vertreibung der Deutschen bruchlos in ein europäisches "Jahrhundert der Vertreibungen" einzuordnen versuchen, eine Zwangsmigration unter vielen, angetrieben vom anonym wütenden Nationalismus des 20. Jahrhunderts. Und alle gemeinsam fordern sie, jede Ausstellung über die Vertreibungen müsse "zwei sehr einfache Grundanforderungen" im Blick behalten. Sie müsse zeigen, "welche Politik zu den Vertreibungen geführt hat. Und sie muss den kategorialen Unterschied zwischen den Vertreibungen und den systematisch betriebenen Massenmorden an Juden und anderen Gruppen deutlich machen."